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Reise Sehnsucht

Gastbeitrag: Gardasee, der Lago. Sehnsucht nach Süden!

Ein Winter-Streifzug als Vorfreude auf den Frühling.

Malcesine – Die Perle am nördlichen Gardasee.

Piazza Via Porto Vecchio am Gardasee: In der Winterzeit hat man diesen herrlichen Platz für sich alleine.

Piazza Via Porto Vecchio am Gardasee: In der Winterzeit hat man diesen herrlichen Platz für sich alleine.

Normalerweise ist die Piazza an der Via Porto Vecchio am Gardasee brechend voll. Ein herrlicher Ausblick auf den Lago lockt, die Berge auf der Westseite Richtung Tremalzo präsentieren sich wie ein Gemälde und Ausblicke nach Limone gibt es als Zugabe.

Windgeschützt ist die elegante Piazza auch noch. Wenn es mal wieder so richtig an den Nordufern am Gardasee kachelt und die Surfer vor Begeisterung über die Wellen springen, dann schätzt man das als Landtourist. Eine Fähranlegestelle darf dem schönen Platz nicht fehlen. Es ist kurzweilig, immer ist etwas los und hat man erst einmal einen Platz im „Ristorante Porto Vecchio“ oder „La Pace“ ergattert, dann sitzt man wie im Theater. Aber leicht ist das nicht – man muss schon Geduld mitbringen. Aber wenn … man könnte Stunden schauen, die Sonne genießen. Das ist das Dolce Vita. Italien eben. Nicht Neapel – nein Malcesine, fast vor der Haustüre wenn man in München wohnt. Nur ein Katzensprung von Innsbruck. Das Leben so nahe, die Sehnsucht des Südens zum Greifen.

Piazza Via Porto Vecchio am Gardasee: In der Winterzeit hat man diesen herrlichen Platz für sich alleine.

Piazza Via Porto Vecchio am Gardasee: In der Winterzeit hat man diesen herrlichen Platz für sich alleine.

Heute pfeift kein Wind. Die Sonne wärmt frühlingshaft am Gardasee – 10 Grad im Schatten. In München, Frankfurt, Hamburg Schmuddel-Wetter, Schneeregen. Ich habe einen Platz im Ristorante „La Pace“ ergattert, sitze auf einem der unzähligen Stühle am Piazza – alleine. Ich werde auch nicht bedient. Es ist heute geschlossen. Die Tische und Sessel sind stehen geblieben, stehen ordentlich und ab und zu rückt sie sich wohl ein Besucher in Richtung Sonne, um die Wärme zu genießen, eine Zigarette zu rauchen oder nur etwas auszuruhen. Ich habe den Platz für mich alleine – er gehört heute mir. Was für ein Luxus!

Eine Katze sucht Beschäftigung am Piazza Via Porto Vecchio am Gardasee.

Eine Katze sucht Beschäftigung am Piazza Via Porto Vecchio.

Es ist Samstag der 22. Jänner. Die Wellen plätschern an die Bootsanlegestelle, eine Katze streift über den Platz und sucht gelangweilt etwas zum Jagen und der in Bronze gegossene, in sich zusammen gekauerte Mann, wartet wohl auch, wie alles hier, auf den nächsten Sommer am Gardasee. Alles versprüht ein elegantes Flair. Die Häuser, Bäume, Bootsanlegestelle, die Sonne wärmt – die Leichtigkeit des Südens, selbst im Winter präsent, noch intensiver. Sehnsucht könnte aufkommen, aber man ist ja hier! Das tut gut.

Piazza Via Porto Vecchio am Gardasee – man ist unter sich, keine Touristen, man hat endlich Zeit.

Piazza Via Porto Vecchio – man ist unter sich, keine Touristen, man hat endlich Zeit.

Meine Gedanken treiben, ich sauge die Sonne auf und die Energie des Platzes ein. Kein Yoga, kein super Coach, kein Guru braucht es hier – ich treibe auf einer Alpha Welle als sich die Szenerie belebt. Zwei Italienerinnen schlendern auf den Platz, sonnenbebrillt, topp chic, Italienerinnen eben, einen Schal lässig um den Hals geworfen in modischen Stiefeln. Entschlossen steuern sie auf einen großen Stein an der Anlegestelle zu, setzen sich. Die obligatorische Zigarette wird angezündet und man muss nicht italienisch können, um mitzubekommen, dass es um den einen oder anderen Mann geht. Es macht „klack“! Der mechanische Auslöser meiner Kamera dringt störend in die friedliche Aura des Platzes ein und bannt die Beiden auf Negativ.

Der Hafen von Malcesine am Gardasee ohne geschäftiges Treiben. Was für ein Idyll das sein kann.

Der Hafen von Malcesine am Gardasee ohne geschäftiges Treiben. Was für ein Idyll das sein kann.

Der Hafen von Malcesine am Gardasee ohne geschäftiges Treiben. Was für ein Idyll das sein kann.

Der Hafen von Malcesine am Gardasee ohne geschäftiges Treiben. Was für ein Idyll das sein kann.

Pregasina – Thron über dem Gardasee und letzter Außenposten vor dem Tremalzo.

Die alte "Ponale" am Gardasee. Mit welch verwegener Baukunst mitten in die Felsflanken gebaut. Einmalig schön.

Die alte “Ponale” am Gardasee. Mit welch verwegener Baukunst mitten in die Felsflanken gebaut. Einmalig schön.

Eine atemberaubende Schönheit ist sie, die alte Ponale Straße nach Pregasina. Manche halten sie für die schönste Bergstraße der Welt. Zu den schönsten Europas gehört sie allemal. Mit solch verwegener Ingenieurskunst in den senkrechten Fels hoch über den Gardasee gesprengt, dass es einen gar nicht mehr los lässt zu schauen und zu staunen.

Straßen bauen konnten sie immer schon, die Italiener, besonders in den Bergen, das zeigt sich gerade hier eindrucksvoll. Jahrzehnte bewegte sich der Verkehr hoch über dem Gardasee hinauf durch Kehren, kleine Tunnels und Brücken in das Bergdorf Pregasina. Kaum eine Stelle, an der zwei Autos aneinander vorbei gepasst hätten. Ausweichmanöver in schwindelerregender Höhe – nichts für Flachländer. Selbst der Postbus fuhr über die alte Ponale Straße – kaum zu glauben. Der italienische Piloteur im PKW stets heißblütig, unerschrocken und lässig. Eine Zigarette in den Mundwinkel geklemmt, das Fenster offen, den Arm locker aus dem Fenster hängend. Hier war das wirklich so, Klischees wurden bedient. Es wird schon gut gehen. Manchmal ging es nicht gut. In einigen Ecken der Felswände sind  Gedenktafeln zu finden, die an die Gefährlichkeit der Straße erinnern.

Die alte "Ponale" am Gardasee. Mit welch verwegener Baukunst mitten in die Felsflanken gebaut. Einmalig schön.

Die alte “Ponale” am Gardasee. Mit welch verwegener Baukunst mitten in die Felsflanken gebaut. Einmalig schön.

Heute übernimmt die Aufgabe eine Tunnelröhre – schneller aber uneleganter. Zweckmäßig, ohne Ausblicke, wurde sie durch den Berg gebohrt. Das ist auch gut so, denn die alte Ponale Straße ist nun den Bikern und Wanderern vorbehalten. Wer hinauf will, muss schwitzen und hat die richtige Geschwindigkeit die ganze Schönheit der Straße und Landschaft zu erleben. Hier wird einem nichts geschenkt. Jeden Meter muss man sich erarbeiten bis die 500 Höhenmeter nach Pregasina erklommen sind. Und immer wieder atemberaubende Tiefblicke auf den glitzernden Gardasee, die das Herz hüpfen lassen. Wer hier nicht ins Schwärmen gerät, der ist heillos verloren! Die Einheimischen betrachten dieses Meisterwerk mit einer gewissen Gelassenheit. Schließlich wissen sie, dass sie schon immer einwenig eleganter und schöner als der Rest der Welt waren. Vielseitiger auch. Elegante Schuhe, schnelle Autos und schöne Opern wurden nebeneinander geschaffen. Das passt alles zusammen, wenn es für den Moment nur schön und leidenschaftlich ist. Das Morgen wird sich schon ergeben. So ist das hier.

Einige Wanderer sind an diesem frühen Jänner Sonntag auf der alten Ponale Straße am Gardasee unterwegs. Das überrascht. Biker sucht man vergebens. Zeitig am Morgen ist es an den Felswänden noch empfindlich kalt, ein wenig Schnee liegt, kaum der Rede wert. Es ist auch am Gardasee ein untypisch strenger Winter. Aber man merkt schon die wärmende Sonne, die fast den ganzen Tag auf die Straße brennt. Wer im Sommer mit dem Bike erst zu Mittag den Weg hinauf nach Pregasina sucht, wird für das lange Schlafen mit erbarmungsloser Hitze gnadenlos bestraft und kann den dahinter liegenden Passo Rochetta oder Tremalzo kaum noch erreichen. Die Gewitter wären zu gefährlich. Aber heute ist die Sonne genau richtig. Die Luft ist klar und kühl. Jeder Sonnenstrahl tut gut.

Auch das Hotel Rosalpina hoch über dem Gardasee verschläft die Winterzeit in Pregasina.

Auch das Hotel „Rosalpina“ hoch über dem Gardasee verschläft die Winterzeit in Pregasina.

Kurz unterhalb Pregasinas leuchtet einem schon von Weitem die intensiv rosane Fassade des Hotels „Rosalpina“ entgegen, eines der zwei Hotels hier oben. Die Straße vor dem Haus ist noch angereift und die Morgensonne macht sich gerade daran die Eiskristalle wegzuputzen. Die Fensterläden sind dicht. Winterschlaf in Pregasina. Einige Kehren später das Hotel „Panorama“. Letzter Außenposten für Biker, um noch einmal mit Spagetti und Aqua Minerale die Speicher zu füllen. Jetzt wird es richtig brutal, wenn man weiter will. Gut tausendzweihundert Höhenmeter trennen einen noch vom Tremalzo, der Königin für Lago Biker. Wer auf sich hält war oben. Richtig steile, giftige Höhenmeter, grobschottrig – die „Ponale“ war dagegen eine Spazierfahrt. In Pregasina wird es ernst! Wer ab hier nicht kämpfen muss läuft einen Marathon zum Frühstück.

Hotel Bar Panorama in Pregasina am Gardasee im Winterschlaf.

Hotel Bar „Panorama“ im Winterschlaf.

Vielen wird aber der gemütliche Garten des „Panorama“ mit selbigem Ausblick, die guten Spagetti und wohl das eine oder andere Bier, ein Gläschen Vino Rosso zum Verhängnis. So ist es für viele das Ziel und nach einem gemütlichen Nachmittag folgt die rasante Abfahrt nach Riva del Garda, denn auch nach Pregasina war es kein Honiglecken denkt man sich entschuldigend und ist mit sich und der Welt im Einklang. Immerhin ist man im Trentino und einen Steinwurf entfernt beginnt die Provinz Veneto. Italien pur, der heimischen Leistungs- und Prinzipienwelt schon weit entflohen! Man geht es hier entspannter an, das Leben, und verschiebt den Tremalzo getrost auf morgen.

Der Panoramagarten des Hotel Bar Panorama in Pregasina, Gardasee. Im Sommer kaum ein Platz zu bekommen. Im Jänner verwunschen einsam.

Der Panoramagarten des Hotel Bar „Panorama“ in Pregasina. Im Sommer kaum ein Platz zu bekommen. Im Jänner verwunschen einsam.

Nichts davon an diesem Sonntag im Jänner. Der Gastgarten liegt verwunschen hoch über dem Gardasee. Die Steintische konnten den Weg in den Keller nicht finden und mussten nach der langen und intensiven Saison erschöpft auf der Wiese stehen bleiben. Der Brunnen vorm Haus plätschert, als wenn es Sommer wäre. Aus einigen Fenstern hört man das Klappern des Sonntagsgeschirrs. Eine entspannte Atmosphäre hat sich über das sonst so quirlige, aus nur wenigen Häusern bestehende Bergdorf gebreitet. Keine Menschenseele ist zu sehen. Die paar Wanderer sind schon weiter gezogen. Richtung Limone? Man weiß es nicht. Der nicht Italiener ist eher reserviert und misstrauisch, teil sich ungern mit. Das ist schade, denn wir sind in Italien.

Pregasina hoch über dem Gardasee – nur der Dorfbrunnen plätschert.

Pregasina hoch über dem Gardasee – nur der Dorfbrunnen plätschert.

Ich kann nicht umhin mir eine Bank zu suchen und den herrlichen Ausblick in der warmen Vormittagssonne auf den Gardasee zu genießen. Einige wenige Segelboote gleiten über den Lago und man will es kaum glauben, der eine oder andere Surfer ist auch unter den Wassersportlern. Viele lässt eben das Lago Fieber das ganze Jahr nicht los. Ich bin in guter Gesellschaft. Ein Capu wäre jetzt genau das Richtige. Aber der ist hier heute nirgends zu bekommen. Es muss also so gehen.

Die Kirche von Pregasina mit herrlichem Blick über den Lago di Garda. Hier beginnt für die Mountainbiker auch der brutale Anstieg zum Tremalzo.

Die Kirche von Pregasina mit herrlichem Blick über den Lago di Garda. Hier beginnt für die Mountainbiker auch der brutale Anstieg zum Tremalzo.

Kurz vor elf. Die Glocken der winzigen Kirche, die als höchster Punkt über Pregasina thront, schlagen einige Male. Aus dem Inneren dringt das Geräusch der Liturgie und wenig später öffnen sich die kleinen Seitentüren. Pregasina strömt aus der Kirche. Es scheint so, als ob mindestens das ganze Dorf in der Sonntagsmesse gewesen wäre. Ausgenommen die Frauen, die seit der Früh in der Küche stehen und das Sonntagsessen zubereiten. Das Essen ist hier eben genauso wichtig wie der Glaube. Es war schon unten im Dorf zu riechen, dieser unverwechselbare italienische Essensduft, der zu jeder Tages- und Nachtzeit Hunger macht und quälend um die Mittagszeit durch italienische Dörfer zieht. Hier wird noch richtig gekocht.

Schluss mit der beschaulichen Stille. Plötzlich herrscht mehr Leben als in jeder deutschen Kleinstadt. Pregasina und seine Verwandten, Vettern, Freunde, Onkel, Tanten, Großonkel, Opas, Omas und Kinder strömen auf den kleinen Kirchplatz. Es wird diskutiert, gestikuliert mit Händen und Armen und noch anderen Dingen, so es mal notwendig scheint. Man redet nicht, man kommuniziert. Die pure Lust sich mitzuteilen wurde in Italien erfunden. Hier muss einfach alles zelebriert werden und mit einem extra Schuss Emotion versehen werden. Daher schmeckt wohl auch ihr Wein und das Essen besser, sind ihre Autos keine Fortbewegungsmaschinen sondern „Bella Machinas“ und das Eis ist süßer als es die EU jemals erlauben würde. Pregasina ist an diesem Sonntagmorgen auch ganz ohne Touristen zu vollem Leben erwacht. Ein Erlebnis daran teilgenommen zu haben. Man riecht es und man hört es. Gerne würde man sich irgendwo zum Sonntagsessen einladen lassen. Ich breche auf.

Torbole – Die Sportliche am Gardasee.

Endlich Winter. Die Rennradfahrer erobern die Uferstrasse des Gardasees für sich.

Endlich Winter. Die Rennradfahrer erobern die Uferstrasse für sich.

Der Tag beginnt zeitig in Torbole, der sportlichen Dame am Gardasee. Göthe und Fontane schrieben hier. Aber das interessiert heute niemanden mehr.

Das Nachtleben ist kurz, denn morgens heißt es früh aus den Federn. Discos in Torbole – Fehlanzeige! Als Surfer gilt es den Morgenwind zu nutzen, der am intensivsten ganz oben am Gardasee bläst. Am besten man ist schon um sechs Uhr im Wasser. Den Bikern geht es auch nicht besser. Wer ganz oben stehen will, muss zeitig aus dem Bett. Die Uhr kann nach dem Sommergewitter gestellt werden. Es kommt sicher und so intensiv nach dem Mittagessen, dass man bei Leibe nicht mehr auf einer der alten Militärstraßen unterwegs sein möchte. Torbole ist der Szene Treff für Biker und Surfer am Gardasee. Hier spielt es sich ab! Durchtrainierte Studenten und rüstige Pensionisten auf High-tech Mountainbikes existieren nebeneinander in Harmonie. Generationenvertrag – manchmal kann es im Leben so einfach sein, wenn die Interessen die gleichen sind!

22. Jänner – vergessene Reste einer Sylvesterfeier in den Gassen von Malcesine am Gardasee.

22. Jänner – vergessene Reste einer Sylvesterfeier.

So wird es dann auch in Torbole ab vierzehn Uhr richtig lebendig. Man sitzt in der „Winds Bar“ und richtet die anderen Biker nach gelungener Tour aus, diskutiert über die Carbon Bikes die vorbeirollen oder erzählt sich, wie die beste Halse des Lebens um kurz nach sechs Uhr früh gelang. Wer sich einen neuen Sportwagen oder eine Ducati geleistet hat, der rollt auf die kleine Kurve vor der „Winds Bar“ zu und gibt kurz davor richtig Gas, damit jeder sehen und hören kann, was man seit kurzem sein Eigen nennt. Gerne auch einige Male hintereinander. Hier nimmt einem das Niemand übel. Torbole promeniert anders. Sehr tolerant, sehr entspannt und manchmal richtig laut!

Einige Kletterer aus Arco mischen sich unter die vielen Biker, Surfer und nicht-mehr oder noch-nie oder noch-nicht Sportler, Sportwagen Neubesitzer und endlich Ducati Fahrer. Der Mix ist perfekt. Ein weltweit einzigartiges, nicht zu beschreibendes Menschengemisch entsteht. Eng, lebendig, sportlich, pulsierend, laut, überfüllt aber relaxed. Nach Mitternacht wird es ruhig. Man hat am nächsten Tag viel vor, am Gardasee.

Selbst die meisten Lebensmittelgeschäfte schliessen zur Winterzeit am Gardasee.

Selbst die meisten Lebensmittelgeschäfte schliessen zur Winterzeit am Gardasee.

Torbole verausgabt sich von Mai bis Oktober bis zur Erschöpfung obwohl es für italienische Verhältnisse früh schlafen geht. Hier ist nun im Winter wirklich alles geschlossen. Na ja, fast alles. Eine Bar hält offen und die Tankstelle vor dem langen Anstieg nach Nago. Aber das war’s auch schon im Wesentlichen. Selbst die Lebensmittelgeschäfte machen dicht. Das ist wohl einzigartig.

Die vielen schönen, alten engen Gassen am Gardasee. Im Winter kann man sie richtig erleben und geniessen.

Die vielen schönen, alten engen Gassen am Gardasee. Im Winter kann man sie richtig erleben und geniessen.

Der Ort gehört im Winter den Einheimischen. Es heißt Ruhe finden, denn bald geht es wieder los. Ist gerade mal wieder irgendwo Wirtschaftskrise, ist Torbole voll. Ist keine Krise, ist es rammelvoll. Aber wie auch immer: Vor der Pizzeria „Al Porto“ stehen in der Saison so oder so die Gäste Schlange, um einen Platz zu bekommen. Das ist schon seit über fünfzehn Jahren der Fall, oder auch länger, ich weiß es nicht. Und gegenüber freut sich im Bike Geschäft Giovanni über den reißenden Absatz seiner neuen Raddresse.

Altgediente Torbole Gäste treffen im Winter an der Gardasee Strandpromenade vor dem ebenfalls geschlossenen „La Terraza“ das eine oder andere bekannte einheimische Gesicht. Gerne hält man auf ein Schwätzchen inne und setzt sich auch schon mal zusammen auf eine der unzähligen leeren Strandbänke in die Sonne. Fast ist der Einheimische geschmeichelt, dass der Sommertourist sogar im Winter vorbeischaut. Die Herzlichkeit und Freude über das Zusammentreffen am Nordstrand ist ehrlich gemeint, nicht aufgesetzt. Man hätte es auch gar nicht notwendig, so gut laufend die Geschäfte hier. Dem italienischen Geist entsprechend wird nach Frau und Kindern gefragt und man erfährt von der Urlaubsreise in die Karibik. Einwenig dezent, denn der Italiener ist Patriot. Aber was soll man machen, wenn immer genau dann Urlaub ist, wenn in Italien das Wetter gar nicht zum Baden einlädt. Man muss es ja nicht an die große Glocke hängen meint man mit einem Augenzwinkern. Solche Zusammentreffen tun gut. Der Italiener ist Gastgeber mit Herz und Seele und empfängt den Gast erst einmal unbefangen als Freund. Alles Weitere hat man sich dann selber zuzuschreiben.

Die Seepromenade im Norden des Gardasees fest in einheimischer Hand. Flanieren, tratschen, in der Sonne sitzen. Schön.

Die Seepromenade im Norden des Gardasees fest in einheimischer Hand. Flanieren, tratschen, in der Sonne sitzen. Schön.

Ich ziehe weiter Richtung Hafen. Es weht ein leichter Wind, die Sonne hat für uns Bewohner der nördlicheren Hemisphären schon frühlingshafte Kraft. Der Einheimische neigt zur Übertreibung merkt man. In üppigen Daunenjacken, Wollmützen und Stiefeln wird am Strand entlang flaniert, den man heute fast ganz für sich alleine hat. Am Gardasee kleidet man sich nach dem neuesten Trend, so wie es in den Winter-Modemagazinen gerade zu sehen ist. Es muss recht heiß unter den Jacken bei 10 Grad im Schatten und Sonne sein, die sich gut für Schneestürme in St. Moritz oder Gstaad eignen würden.

Der kleine Hafen von Torbole am Gardasee. Was für ein Genuß ihn so zu erleben.

Der kleine Hafen von Torbole. Was für ein Genuß ihn so zu erleben.

Im Porto von Torbole, neben dem Häuschen des Hafenmeisters, stehen sechs Bänke, ideal zur Sonne ausgerichtet. Auf einem döst ein älterer Herr, streckt sein Gesicht der Sonne entgegen. Eine Bank weiter sitzt ein Pärchen. Er liest l’Adige, die Zeitung des Trentinos, während seine Frau gerade ein lebhaftes Telefongespräch in derart ungebremster Emotion und Lautstärke führt, dass der ganze Hafen mithören könnte. Wenn außer den Dreien noch jemand da wäre. Den dösenden Mann auf der Nachbarbank stört es nicht. Gänzliche Stille hat etwas Bedrohliches für den Italiener – fast schon zu nahe am Tode meint er wohlmöglich. Also lieber einwenig Lärm.

Der kleine Hafen von Torbole am Gardasee. Was für ein Genuß ihn so zu erleben.

Der kleine Hafen von Torbole. Was für ein Genuß ihn so zu erleben.

Das laute Telefonat wird im Minuten-Takt von einem kurzen, aufkeimenden Surren unterbrochen. Immer wieder flitzen größere und kleinere Radteams die lange Gerade am Porto in Torbole am Gardasee Ufer entlang. Sie kommen aus Bardolino, auch aus Verona. Die im Sommer sonst so gefährliche Uferstraße mit den Galerien, in denen man als Radfahrer kaum gesehen wird, sind um diese Jahreszeit leer. Eine Spielwiese für Rennradfahrer. In modischen, einheitlich gestylten Dressen schießen die Gruppen durch Torbole – eine Augenweide. Man möchte gleich sein Rad aus dem Keller holen und mitfahren! Bunt gemischt – ältere Männer mit Kugelbäuchen in hautengen Trikots und sehnige junge Männer die Tour geeignet wirken. Immer mehr Frauen seit Neuestem auch. In Italien leben die Generationen zusammen, auch heute noch. Jüngere nehmen auf die Älteren Rücksicht und die Älteren haben alles Verständnis dieser Welt für die Jungen. Darüber könnte man bei uns einmal nachdenken.

Endlich Winter. Die Rennradfahrer erobern die Uferstrassen des Gardasees für sich.

Endlich Winter. Die Rennradfahrer erobern die Uferstrasse am Gardasee für sich.

Riva – Großes Finale am Gardasee!

Die Sonne. Selbst im Jänner am Gardasee kraftvoll.

Die Sonne. Selbst im Jänner am Gardasee kraftvoll.

Riva del Garda ist eine lebendige Stadt. Ist das Geschäftsleben im Jänner in Malcesine, Torbole oder Molina gänzlich eingeschlafen, findet man sich in Riva geradezu im pulsierenden Leben wieder. Seit spätestens Anfang September sind die Schaufenster mit „Saldi“ beklebt und mittlerweile sind die „Sconti“ schon bei infernalen 60% oder gar 70% angekommen. Manchen scheint das Bekleben der Schaufenster auch zu mühsam – sie haben seit Jahren durchgehen „Saldi“. Platz muss her, denn bald trifft die Frühjahrsware ein. Lager haben die kleinen Geschäfte kaum, die meist noch vom Eigentümer geführt werden. Die Zeit drängt die Regale zu leeren.

Die Seepromenade im Norden des Gardasees fest in einheimischer Hand. Flanieren, tratschen, in der Sonne sitzen. Schön.

Die Seepromenade im Norden des Gardasees fest in einheimischer Hand. Flanieren, tratschen, in der Sonne sitzen. Schön.

In der zweiten Jänner Woche wird es in Riva so richtig voll. Fast alle Hotels sperren auf und die Zimmerpreise klettern in schwindelerregende Höhe. Zum 75. Mal findet die internationale Schuhmesse in Riva an Gardasee statt. Kaum zu glauben, aber Riva hat eine Messe und diese hier ist eine Institution. Welcher Sommertourist würde wissen, dass sich genau hier die Welt informiert, was der modebewusste Kunde dieses Jahr tragen wird. Danach wird es wieder etwas ruhiger. Einige Hotels sperren erneut zu und die Zimmerpreise sacken auf ein Drittel ab. Nun kann sich auch der kleine Geldbeutel ein stylisches Hotel mit allem Luxus leisten, das im Sommer unerreichbar wäre. Und auch viele Restaurants halten offen. Einige der Lokale, die im Sommer erbarmungslos gestürmt werden wie der „Leon D’Oro“ haben dicht und ihre Fenster verklebt. Sie müssen vor dem nächsten Ansturm einfach einmal verschnaufen.

Die Seepromenade im Norden des Gardasees fest in einheimischer Hand. Flanieren, tratschen, in der Sonne sitzen. Schön.

Die Seepromenade im Norden des Gardasees fest in einheimischer Hand. Flanieren, tratschen, in der Sonne sitzen. Schön.

Trotz des Trubels an sonnigen Tagen fällt auf, dass kein einziges ausländisches Autokennzeichen zu sehen ist. Alles ist noch fest in italienischer Hand, die letzte Bastion, denn auch schon zu Ferragosta haben sich die Touristen rücksichtslos breit gemacht. Vorbei die Zeiten, als man an diesen heiligen Tagen als nicht Italiener kein Zimmer bekam.

Die Seepromenade im Norden des Gardasees fest in einheimischer Hand. Flanieren, tratschen, in der Sonne sitzen. Schön.

Die Seepromenade im Norden des Gardasees fest in einheimischer Hand. Flanieren, tratschen, in der Sonne sitzen. Schön.

Nachmittags der traditionelle Bar Besuch. An jeder Ecke ist für den Italiener die Nahversorgung mit seinem Lebenselixier Kaffee gesichert. In der Bar „Smile“ sitzt man bunt gemischt unter jungen Leuten, Zeitung lesenden Geschäftsleuten und keinen Touristen. Die obligatorische, monströse und auf Hochglanz polierte Espressomaschine zischt und dampft und nach jedem noch so kurzen Einsatz wird vom Barchef gleich besorgt über die Chromteile gewischt, damit das Schmuckstück auch ja makellos bleibt. Jetzt nur nicht als Tourist auffallen, um die Atmosphäre nicht zu stören. Also keinesfalls der Unsitte des permanenten Cappuccino Trinkens frönen. Der wird nämlich traditionell genau wie die Weißwurst in Bayern nur vormittags zu sich genommen und schon gar nicht nach dem Essen. Alles geht: Ein Macchiato, Doppio, Grappa, Bardolino nur kein Capu bitte!

Und nun?

Was für eine unverschämte Elleganz. Kerzengrade und stolz.

Was für eine unverschämte Eleganz. Kerzengrade und stolz.

Die Sehnsucht nach Süden drei Tage erfolgreich bekämpft. Nein, viel mehr noch. Die kurzen Tage am Gardasee gelebt. Und man lässt einen hier gerne im Winter dabei sein. Der Italiener hat Sinn für größere und auch die ganz kleinen Gesten. Er sieht es wohl als Zeichen ehrlicher Sympathie, wenn man sich im Jänner durch den Schnee am Brenner auf den Weg zum Lago di Garda  macht. Zu sehen, wie es denn gerade dort aussieht, wenn kein touristischer Trubel herrscht. Um seine brennende Sehnsucht nach der nächsten Bike Tour oder nur einer echten Holzofenpizza zu stillen. Das zollt ihm Bewunderung ab, schmeichelt ihm, auch wenn er es nie zugeben würde.

Leben abseits des Tourismus am Gardasee. Besonders leicht zu entdecken im Winter.

Leben abseits des Tourismus am Gardasee. Besonders leicht zu entdecken im Winter.

Wer das ganze Ambiente dieser seit Jahrhunderten hart umkämpften Region verspüren will, der sollte einmal im Winter an den Lago reisen. Nur so wird ihm das einzigartige Flair und die ehrliche Gastfreundschaft dieser Region unverfälscht zu teil. Mitten in einer italienischen Touristenhochburg und doch fernab jeglichem Tourismus. Das macht es aus und schürt das Feuer!

Vom Norden des Gardasees rollt man, so der direkte Weg zur Autostrada gewählt wird, über den kleinen Passo San Giovanni kurz hinter Nago. Von da an ist es nicht mehr weit auf die Transitroute Richtung Norden. Ein flaues Gefühl befällt jedes Mal am Passo den Magen. Ein letzter Blick auf die unverschämt eleganten, kerzengeraden Zypressen und den Monte Baldo. Kurz darauf das grüne Schild „Brennero 166“ und die Gedanken beginnen wieder in den Alltag abzuschweifen. Meist wird es dann ganz ruhig.

Die Sehnsucht nach Sünden zum Greifen nah und doch so fern. Ist man von ihr erst einmal befallen, dann lässt sie einen nicht mehr los! Es wird eine lebenslange, unheilbare Krankheit daraus!

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