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Aktiv Reise

Ritt über den Atlantik – von Cádiz auf die Kanarischen Inseln.

Mit der Fähre auf die Kanarischen Inseln – eine verrückte Idee.

Es geht los – auslaufen aus dem Hafen von Cadiz. Aufregung macht sich breit.

Es geht los – auslaufen aus dem Hafen von Cádiz. Aufregung macht sich breit.

Mit dem Auto auf die kanarischen Inseln – wer könnte auf so eine irre Idee kommen? Immer mehr Menschen in letzter Zeit. Kein preiswertes Unterfangen, besonders, wenn man aus Mitteleuropa anreist. Rechnet man die anfallende Maut in der Schweiz, Frankreich und Spanien hoch, Benzin oder Diesel, anfallende Übernachtungskosten, kann einem schwindelig werden.

Trotzdem sind immer mehr Menschen mit dem eigenen KFZ auf die Kanaren unterwegs. So viele, dass seit kurzem wieder die zweite, modernere Fährverbindungen von Huelva nördlich von Cádiz betrieben wird. Jener Ort, von dem Cristóbal Colón zu seiner ersten Reise in die neue Welt aufbrach.

Überall lassen sich Ausblicke geniessen und ein Schwätzchen halten.

Überall lassen sich Ausblicke geniessen und ein Schwätzchen halten.

Was sind das für Menschen? Bunt gemischt, sind sie. Menschen, am Weg zu ihrem Alterssitz, jüngere und ganz junge, die im boomenden Tourismus am Archipel arbeiten wollen, Glücksritter. Alle im Gepäck das wichtigste Umzugsgut. Aber auch Aussteiger, Aussteiger auf Zeit, Surfer, Abenteurer, die mit ihren kleinen Wohnmobilen, VW Bussen, umgebauten Unimogs einige Monate, Jahre über die Inseln ziehen wollen. Digital Nomads und Sonnenhungrige auch. Auf so einer Überfahrt trifft man die interessantesten Menschen, Menschen, die man nur selten in Ferienfliegern trifft.

Eine nicht zu verachtende Gruppe sind auch jene, die das kleine Abenteuer einer Fahrt über den Atlantik geniessen wollen, meist ohne Auto nur mit Rucksack oder Reisetasche. Reisende in eigener Sache, auf Sinnsuche und andere. Und dann gibt es auch noch die ganz kleine Gruppe jener, die aus irgend einem Grund auf die Kanaren muss und panische Angst vor dem Fliegen hat. Nach dieser Überfahrt ist die Angst vor Schiffsreisen dann meist noch grösser.

Eine gute Idee ist, auf der Reise den wilden Atlantik vom Oberdeck aus zu geniessen, die Reisenden zu beobachten und mit ihnen zu plaudern. Eine interessante Welt breitet sich aus und taucht man in sie ein, bedauert man, dass schon nach zwei Tagen die Reise zu Ende ist.

Cádiz oder Huelva?

Blick über Cadiz.

Blick über Cádiz.

Als 2008 ganz Europa von einer Katastrophe in die nächste taumelte, lief es in Spanien so richtig schlecht. Und so wurde auch nur eine Fährverbindung auf die Kanaren betrieben und zwar die von Cádiz aus. Man sorgte sich schon, ob diese nicht auch noch aufgegeben werden könnte. Leer war es auf den Fähren. Seit einem Jahr gibt es wieder zwei, von Cádiz und Huelva aus. Beide legen einmal pro Woche ab und beide landen in Arrecife, Lanzarote an, um dann nach Las Palmas, Gran Canaria weiter zu fahren. Von Las Palmas aus stehen einem alle Fährverbindungen auf das gesamte kanarische Archipel zur Verfügung.

Die kanarische Linie Armas bedient die Kanaren ab Huelva mit einer grossen, modernen Fähre, komfortabler, magenschonender mit Stabilisatoren, durch optimiert, schnell. Die Linie ab Cádiz wird vom katalanischen Unternehmen Transmediterranea betrieben, mit einer deutlich kleineren, in die Jahre gekommenen Fähre. Bei ihr hat man mehr das Gefühl, sich in den 1950igern wieder zu finden und auf eine Kreuzfahrt in den Atlantik aufzubrechen. So ist hier auch nur Vollpension möglich, man geht zum Mittag- und Abendessen, wie in den guten alten Zeiten eben. Alles ist gemütlicher, sehr einfach und versprüht einen morbiden Charme.

Nur, für welche Fährverbindung soll man sich entscheiden? Das hängt ganz davon ab. Es gibt nicht die optimale Verbindung, ganz nach Reiseplanung und individuellen Vorstellungen ist eine der beiden mehr geeignet. Wer möglichst schnell mit einem modernen, durch Stabilisatoren ruhigerem Schiff Lanzarote erreichen will, ist mit Armas gut bedient. Wer eine Seereise antreten will, die noch einen Hauch von Abenteuer in unserer heutigen Zeit versprüht, der sollte mit Transmediterranea in See stechen. Die Passage ist zwar meist 100,- Euro teurer, dafür hat man ausgiebige Vollpension. Auf Armas Fähren muss für das Essen gesondert bezahlt werden und das ist nicht gerade preiswert. Unter dem Strich tut sich daher nicht viel, so man nicht gedenkt, zwei Tage zu hungern!

Das kleine Abenteuer – von Cádiz aus in See stechen.

Stilvoll – am Strand von Cadiz.

Stilvoll – am Strand von Cádiz.

Entschliesst man sich von Cádiz aus mit Transmediterranea die Überfahrt zu wagen, besteigt man eine recht in die Jahre gekommene, italienische Fähre. Irgendwie wirkt sie doch schon etwas klein und übersichtlich für einen Atlantik Transit und die zu erwartenden hohen Wellen. Man hatte sich deutlich Grösseres erwartet, so in Richtung „Dampfer“ oder noch grösser, wie im Film eben. Mit ihr überzusetzen ist noch echte Seefahrt. Stabilisatoren sind für dieses Schiff ein Fremdwort und wie das Schiff im Wasser liegt, ist ganz dem Geschick des Kapitäns überlassen, wie er denn gedenkt die Wellen auszureiten, oder auch nicht. Da Linie und Termin gefahren wird, wird der kürzeste Kurs abgesteckt und ist die Wellenausrichtung so, dass das Schiff auf der direkten Linie ins Rollen kommt, die schlimmste Bewährungsprobe für jeden Magen überhaupt, dann ist das eben so. Sterben tut man ja nicht daran.

Das Autodeck der Fähre – nach der Überfahrt sind die Autos mit einer dicken Salzkruste überzogen.

Das Autodeck der Fähre – nach der Überfahrt sind die Autos mit einer dicken Salzkruste überzogen.

Alles ist schon in die Jahre gekommen und die Kabinen, wenn auch sauber und seemännisch zweckmässig, versprühen den Charme eines DDR Freizeitheims – ordentlich, einfach nur keinen kapitalistischen Luxus bitte. Mit ein wenig Anstrengung könnte man auch durch die nett bereitgelegten Frottee-Handtücher Zeitung lesen. Doch, das ginge. Das kleine Stück Kernseife rundet das bereitgestellte Ensemble ab.

Genug Steckdosen, um das mitgebrachte moderne Equipment zu laden, hat es jedenfalls. Alles was benötigt wird, ist vorhanden, aber kein Millimeter mehr. Fast hat man das Gefühl, als Leichtmatrose an Bord gegangen zu sein und gleich zum Dienst antreten zu müssen. Das erhöht das Gefühl ein Abenteuer zu unternehmen enorm. Vor allem auch die Betten mit den hohen Seitenteilen. Sticht man im Winter oder Frühling in See, lernt man sie schätzen. Sie dienen einfach dazu, bei heftigem Seegang nicht aus dem Bett zu fallen.

Dafür ist der Speisesaal mit einer schönen, grossen Fensterfront, ausgerichtet zum Bug des Schiffes, überaus gross bemessen. Gerade, wenn das Schiff durch die See stampft, bietet der Saal kinogleiche Ausblicke. Auch der Bar Bereich ist enorm gross, mit Tanzfläche und Disco Lichtanlage und blickt mit einer Fenster Front zum Heck des Schiffes. Getanzt wird aber nicht, dafür befindet sich im Nebenraum ein Kinderspielplatz. Das grosse Kino, mit Pullman Bestuhlung, ist nicht in Betrieb. Hier residieren die Gäste, die keine Kabine gebucht haben. Irgendwie merkt man, das ganze Schiff hatte einmal eine andere Bestimmung.

Treppen und kleine Aussichtsbuchten – viele ruhige Ecken, um zum Beispiel das Tagebuch zu schreiben.

Treppen und kleine Aussichtsbuchten – viele ruhige Ecken, um zum Beispiel das Tagebuch zu schreiben.

Herrlich ist der Aussenbereich. Der ist so, wie man sich ihn seinen Träumen ein Schiff vorstellt. Die fünf Decks werden durch ein Gewirr von innen- und aussenliegenden Treppen verbunden, die schmale Aussengänge und versteckte Balkons erreichen. Es macht Spass, auf ihnen herumzustreifen. Ganz oben ein Hubschrauberdeck. Eine weitläufige Freifläche, die eine grandiose Aussicht bietet. Gerade beim Ablegen von Cádiz: In der Sonne sitzen, seine Beine vertreten, geniessen.

Wird bei Transmediterranea gebucht, ist Vollpension im Ticket inkludiert. Sehr italienisch ist das Frühstück übersichtlich. Man erwartet danach nicht mehr allzuviel bis mittags und abends die Essensgerüche aus der Küche in die Nase dringen. Und die machen wirklich Hunger. Das Mittag- und Abendessen ist sehr variantenreich. Aus einem grossen Angebot aus Hauptspeisen, Pasta, Suppen, Salat, Nachspeisen kann sich jeder Gast ein opulentes und schmackhaftes Essen zusammenstellen. Da es unerwartet gut ist, völlern die Meisten etwas zu ausgiebig. Sie denken nicht an die grossen Atlantikwellen, die oft im Anmarsch sind. Das wird vielen in der Nacht zum Verhängnis. Die Folge: Beim Frühstück am nächsten Morgen hat man den Speisesaal fast für sich alleine.

Für den Notfall scheint gut vorgesorgt zu sein.

Für den Notfall scheint gut vorgesorgt zu sein.

Auffallend ist auch das überaus freundliche Personal. Es ist auch schon, wie ihre Dienstuniformen, sehr in die Jahre gekommen und man hat das Gefühl, dass sie schon seit Jahrzehnten mit diesem Schiff unterwegs sind. Bei einigen ist dies durchaus der Fall. Es hat den Vorteil, dass die Crew selbst bei härtestem Wetter mit einer unvergleichlichen Seelenruhe und Freundlichkeit den Betrieb des Schiffes sicherstellt und auf ordentliches Benehmen der Gäste erbarmungslos pocht. Die Crew zögert keine Sekunde, einen Bargast, der erschöpft seine Beine auf die Sitzmöbel legt, zusammen zu stauchen. Man hat Stil, auch wenn das Schiff schon in die Jahre gekommen ist und besseres Publikum sah.

Die ganze Überfahrt gratis Internetanbindung mit wechselnder Geschwindigkeit.

Die ganze Überfahrt gratis Internetanbindung mit wechselnder Geschwindigkeit.

Shop, wie heute überall üblich, gibt es keinen, noch nicht einmal eine Ansichtskarte ist zu erwerben. Am Abend lässt sich die Zeit in der Bar oder besser Tanzhalle verbringen. Wer wieder Hunger hat, findet Kleinigkeiten zum Essen, ein Cocktail oder nach was einem sonst so der Sinn steht. Alles ist sehr günstig und um Punkt Mitternacht fällt der Rollbalken. Sitzen bleiben kann man. Verschiedenste TVs mit Satelliten Fernsehen laufen, manche lesen, andere plaudern, wiederum andere schauen nur auf das Meer hinaus oder vertreten sich die Beine am grossen Oberdeck im Wind. Irgendwie hat alles etwas von einer Grossfamilie, die zu einem Treffen zusammengekommen ist, weil sich nicht alle kennen. Ruhig und entspannt geht es an Bord zu. So hatte man sich das gar nicht erwartet. Erstaunlicher Weise kann man die gesamte Überfahrt gratis online sein. WiFi mit wechselnder Geschwindigkeit funkt und das weltweite Gefolge kann via Instagram am Erlebnis teilhaben. Das ist durchaus etwas recht exklusives, nicht das WiFi, mehr das, was der Instagram User da in die Welt hinausfunken kann, vom weiten Atlantik. Wenige haben so eine Reise je unternommen.

Beim Auslaufen herrliche Ausblicke auf Cadiz und die Bucht vom Oberdeck.

Beim Auslaufen herrliche Ausblicke auf Cádiz und die Bucht vom Oberdeck.

Die Fähre läuft in die Nacht aus – vereinnahmende Stimmung.

Die Fähre läuft in die Nacht aus – vereinnahmende Stimmung.

Der größte Pluspunkt der Fähre ab Cádiz ist sicherlich Cádiz selber. Bevor man an Bord geht sollte man ein, zwei Tage in dieser herrlichen Stadt verbringen, was fast ein muss ist und keinesfalls das unglaublich schöne, in der Nähe liegende Städtchen Jerez de la Fronterra auslassen, da wo der Sherry herkommt. Und es steht ein unvergessliches Erlebnis an. Die Fähre verlässt um Punkt 17 Uhr mit den drei obligatorischen Signalstössen den Hafen von Cádiz und ist es früh im Jahr, läuft sie direkt in die untergehende Sonne des Golf con Cádiz aus. Hinter ihr bilderbuchartig die Bucht von Cádiz mit der Hafenfront, Kathedrale, im tiefen, warmen Sonnenlicht. Andächtig versammeln sich die Passagiere mit einem Glas aus der Bar am Oberdeck.

Nicht abzusprechen, die Fähre hat Charakter. Ein Agata Christi Krimi bei dem ein Passagier verschwindet, könnte man sich gut vorstellen. Man reist in einer anderen Zeit und irgendwie, macht das Spass. Mit etwas Fantasie hat man die fantastischsten Geschichten im Kopf.

Nicht verpassen – Jerez de la Frontera.

Nicht verpassen – Jerez de la Frontera.

Pullman Sitz, Innen- oder Aussenkabine?

Blick auf den Hafen und die Bucht von Cadiz.

Blick auf den Hafen und die Bucht von Cádiz.

Wie man auf der Überfahrt residieren will, ist natürlich hauptsächlich eine Geldsache. Verpflichtend ist ein Sitzplatz zu buchen, dann gibt es Innen- und Aussenkabinen zur gemeinschaftlichen oder alleinigen Nutzung.

Der Pullman Sitz stellt eine besondere Herausforderung dar. Einen, wenn auch komfortablen Sitz in enger Kinobestuhlung zwei Tage lang sein zu Hause zu nennen, ohne Privatsphäre oder Badezimmer, ist nur etwas für harte Zeitgenossen. Vor allem, wenn die Seekrankheit zuschlägt, der Reisende sich elend fühlt und keine Rückzugsmöglichkeit hat, wird es besonders zäh. Sich irgendwo hinzulegen wird nicht toleriert. Somit ist diese Reiseform wirklich nur hardcore Weltenbummlern anzuraten.

Überall versteckte Aussichtsplätze auch direkt unter der Schiffsbrücke.

Überall versteckte Aussichtsplätze auch direkt unter der Schiffsbrücke.

Eine Kabine hat was. Es muss aber wirklich keine Aussenkabine sein. Das ist unnötiger Luxus. Die Vorstellung, aus seiner Kabine durch ein schönes Fenster den Atlantik bei der Überfahrt zu beobachten, ist etwas romantisch unrealistisch. Die Fähre startet in die Nacht hinein und die Bullaugen sind so klein, dass Sie ohnedies kaum etwas sehen. Den Folgetag bei Licht werden Sie an Deck oder in den grossen Aufenthaltsräumen verbringen und dann geht es schon wieder in die Nacht hinein. Also sparen Sie das Geld und nehmen Sie lieber eine Innenkabine zur Einzelbenutzung. Mit wildfremden Menschen auf engstem Raum eine Atlantiküberfahrt zu verbringen, von denen am Ende noch einer Seekrank wird, ist keine so gute Idee.

Die Preise für die Überfahrt schwanken stark nach Jahreszeit, ob und welches Auto Sie haben, welche Kabine Sie nehmen und vielem mehr. In der normalen Saison müssen Sie bei Transmediterranea mit einem Mittelklassewagen, einer Innenkabine und Vollpension um die 700,- Euro für Hin- und Rückreise rechnen. Bei Armas ab Huelva schlagen um die 600,- Euro zu buche, wieder beide Richtungen jedoch ohne Verpflegung. Residente der Kanaren erhalten auf beiden Linien gut 100,- Euro Ermässigung. Hunde dürfen mit an Bord.

Aber zuerst Cádiz – märchenhaft schön!

Das stolze Cádiz – gemütliche Handelsmetropole.

Die engen Gassen von Cadiz – am Ende vieler öffnet sich ein hübscher Platz.

Die engen Gassen von Cádiz – am Ende vieler öffnet sich ein hübscher Platz.

Cádiz ist einzigartig. Betritt man diese Schönheit, dann spürt man sofort, dass Cádiz eine grosse Vergangenheit hat, sieht den Reichtum. Aber irgendwie ist sie ganz anders als die Altstadt all dieser großartigen spanischen Städte wie Barcelona, Sevilla, Granada, Salamanca, Las Palmas oder Palma. Etwas entfernter betrachtet wirkt sie wie eine Weltmetropole, besonders, wenn man die historische Skyline vom Meer aus betrachtet, die sage und schreibe eine gut zweitausendjährige Geschichte als wichtiger Handelshafen hinter sich hat.

Überall in der Altstadt con Cádiz finden sich verstecke, lauschige Plätze.

Überall in der Altstadt con Cádiz finden sich verstecke, lauschige Plätze.

Traditionelle, kleine Geschäft säumen die Gassen der Innenstadt von Cadiz.

Traditionelle, kleine Geschäft säumen die Gassen der Innenstadt von Cádiz.

Dringt man aber in Cádiz ein, wirkt die Stadt wie ein kleines, andalusisches Städtchen, mit ihren vielen schmalen Gassen, den unzählbaren kleinen idyllischen Plätzen. Gemütlich ist sie. Nicht laut und hektisch wie eine Handelsmetropole. Es ist aufregend durch sie zu streifen. Bald verliert man in dem Labyrinth die Orientierung, stösst an jeder Ecke auf ein altes Bürgerhaus, eine kleine Kirche und wenn man glaubt gänzlich die Orientierung verloren zu haben, öffnet sich plötzlich wieder ein kleiner Platz mit Cafés und Restaurants, schattigen Bäumen. Wie könnte man es anders beschreiben: Cádiz ist magisch, märchenhaft.

Der Stadtstrand von Cádiz – Szenen wie aus Havanna Kuba.

Der Stadtstrand von Cádiz – Szenen wie aus Havanna Kuba.

Aber die berauschende Altstadt ist noch lange nicht alles. Streift man durch die Gassen und geht am späten Nachmittag dem Seewind entgegen, steht man plötzlich an einem wunderbaren Stadtstrand, ein langer Sandstrand, die Bucht von Cádiz, Teil des Golfs von Cádiz, öffnet sich weit ausladend. Gadiatios, so nennen sich die Einwohner, liegen in der Sonne, spielen Fussball oder sind vor der Kulisse der Kathedrale beim Kitesurfen. Die Wasserfront erinnert an Havanna, Kuba, das Treiben einwenig an den Stadtstrand von Barcelona. Wunderbar, die Touristenmengen halten sich in Grenzen. Irgendwie ist man unter sich. Zu weit ist Cádiz vom restlichen Europa entfernt.

Der Stadtstrand von Cádiz – eine Mischung aus Barcelona und Havanna Kuba.

Der Stadtstrand von Cádiz – eine Mischung aus Barcelona und Havanna Kuba.

Cádiz – sehr viel Geschichte.

Die Kathedrale von Cádiz.

Die Kathedrale von Cádiz.

Cádiz gehört zu den ältesten Städten Westeuropas. Es hat seinen Ursprung in einem Handelshafen und Militärstützpunkt der Phönizier, der bereits 900 vor Chr. existierte. Cádiz geht auf Gadir zurück, phönizisch für Festung oder auch griechisch Gadeira. Der Legende nach wurde Cádiz von Herakles gegründet und diese Legende findet sich auch noch im heutigen Stadtwappen wieder: „Hercules Fundator Gadium Dominatorque“. Unweit Cádiz sind die „Säulen des Herakles“, die Meerenge von Gibraltar, die in der Antike als unbezwingbares nautisches Hindernis vom Mittelmeer in den Atlantik galt. Die starke Strömung des Atlantiks, die Wasser in das drei Meter tiefer liegende Mittelmeer transportiert, machte eine Durchfahrt unmöglich. Erst als erkannt wurde, dass, da das Mittelmeer nicht „überläuft“, und damit auch eine auswärtsgerichtet Strömung in Form einer Tiefenströmung existieren muss, wurden die Säulen des Herakles mit Treibankern aus Segeltuch, die in rund sieben Metern Tiefe die auswärts gerichtete Strömung aufnahmen und die Schiffe so in den Atlantik zogen, bezwungen.

Endgültig zur „Boomtown“ wurde jedoch Cádiz erst unter den Römern, als wichtiges Handelszentrum und entwickelte sich zu einer der reichsten, wenn nicht der reichsten westlichen Stadt des Römischen Reiches. Seine Mittel waren so gross, dass es Caesar im Bürgerkrieg gegen Pompeius erfolgreich unterstützen konnte. Caesar dankte es mit dem Verleihen der römischen Bürgerrechte und erhob Cádiz zum Municipium. An diese Zeit erinnert auch das römische Theater.

Doch ewig hielt der Boom nicht. Mit dem Römischen Reich aufgestiegen und mit ihm nieder gegangen. Es wurde von den Westgoten zerstört, danach von den Mauren erobert und neu aufgebaut, um wiederum von den Normannen während der maurischen Herrschaft verwüstet zu werden. Erst als der kastilische König Alfons der X. Cádiz für die Christen am 14. September 1262 rückeroberte und die Mauren vertrieb, begann nach Jahrhunderten eine neue Blütezeit für Cádiz. Übrigens schon 33 Jahre bevor Cádiz wieder in die Hände des Abendlandes zurück fiel, eroberte Jaime el Conquistador, Jakob der I. von Aragón, in nur drei Monaten Mallorca von den Mauren.

Nachbau der Santa Maria von Cristó

Nachbau der Santa Maria von Cristóbal Colón.

Mit der Entdeckung der neuen Welt brach eine neue Epoche für Cádiz an. Cristóbal Colón, Christoph Kolumbus, startete in Huelva, nördlich von Cádiz, um die neue Welt zu entdecken, Indien wie er bis zuletzt glaubte. Von Huelva über Santa Cruz de Tenerife erreichte er die Karibikinseln. Den amerikanischen Kontinent selbst, betrat er jedoch erst auf seiner zweiten Reise, also nicht schon 1492. Zwischen Neuspanien und Europa entwickelte sich ein reger Handel. Sevilla hatte das Handelsmonopol mit der neuen Welt, was die kanarischen Inseln ignorierten und zum Dauerstreit führte. Cádiz wurde Stützpunkt der spanischen Silberflotte. Das brachte erneut enormen Reichtum und weckte die Begehrlichkeit algerischer Seeräuber und britischer Freibeuter, die im Auftrag der englischen Krone den Überseehandel, der Grossbritannien ein Dorn im Auge war, störten wo immer nur möglich. 1586 gelangt es den Engländern dann auch tatsächlich in Cádiz einzudringen, die Stadt zu plündern und noch vorsichtshalber die dort vor Anker liegende Spanische Armada abzufackeln.

Unruhig ging es in Cádiz bis zum spanischen Bürgerkrieg weiter und als dieser in vollem Umfang ausbrach, war Cádiz die erste bedeutend Stadt Spaniens, die die Fahnen für die Franco Getreuen strich. Das war besonders bitter, denn 1810 wurde die erste spanische, liberal orientierte Verfassung in Cádiz proklamiert. Die Stadt war des Kämpfens müde, so schien es. Barcelona setzte sich zwei Jahre zur Wehr und erntete dafür 200 Bombardements durch die Franco Truppen.

Heute weht eine friedliche Beschaulichkeit durch die Gassen und über die Plätze von Cádiz. Die Stadt ist immer noch wohlhabend und irgendwie hat man das Gefühl, dass sie auch ganz glücklich ist nicht mehr im Rampenlicht der Welt zu stehen. Nicht wie Barcelona bis zur Unerträglichkeit von Touristen überrannt zu werden. Gut leben ohne aufsehen zu erregen könnte man meinen ist die Devise.

Ein kleines Abenteuer beginnt. Unterwegs auf die Kanaren.

Es geht an Bord.

Checkpoint – die Guardia Civil will es genau wissen.

Checkpoint – die Guardia Civil will es genau wissen.

In der Vorfreude des Ereignisses sind schon viele Reisende Stunden vor dem Ablegen im Hafen, reihen sich vor dem Tor an der Mole ein und sind froh, einen der ersten Plätze ergattert zu haben, um schnell, ohne zu warten, auf der Fähre zu sein. Diese unerfahrenen Reisenden werden noch schwer enttäuscht werden, vor allem, wenn sie hämisch andere Reisende beobachten, die erst sehr spät, gemütlich vorfahren und ganz hinten stehen. Die Letzten werden die Ersten sein!

Rund eineinhalb Stunden vor dem Ablegen fährt ein Tross Guardia Civil Wagen vor und der Neuling wird nun lernen, dass er zwar im Schengenraum ist, aber auf die Kanaren reist und die sind EU Sonderwirtschaftszone. D.h. hier gibt es Zoll und auch sonst wollen die Spanier genau wissen, wer auf die Fähre fährt. Schon aus Sicherheitsgründen.

Die Guardia Civil wird nun alle vom Vorplatz hinaus winken, eine Spur errichten und hinter der haben sich alle in einer endlosen S-Schleife aufzufädeln. Wer zuletzt kam und keine grosse Höflichkeit walten lässt, steht nun ganz vorne. Ist alles zur Zufriedenheit und ordentlich aufgereiht, kommen die Hunde, Drogen- und Sprengstoffhunde und beschnüffeln jedes Auto. Und das wird peinlich genau gemacht, bei jedem. Verdächtige werden unbemerkt vorgemerkt und bekommen das später handfest zu spüren. Ist diese Prozedur erledigt, was eine ziemliche Zeit in Anspruch nimmt, kann sich die Schleife langsam in Bewegung setzen und jedes Auto fährt bei einem Kontrollpunkt vor. Guardia Civil Beamten salutieren bei jedem Fahrzeug höflich aber bestimmt, kontrollieren den Pass, fragen nach dem Grund der Reise und werfen einen geübten Blick ins Wageninnere. Sitzen Sie ungepflegt in einem zugemüllten Auto, stehen Ihre Chancen sehr gut, näher unter die Lupe genommen zu werden. Spanier finden kaum etwas verachtenswerter, als die Haltung zu verlieren. Es trifft Sie dann das Schicksal jener, die beim „Hundecheck“ einen schwarzen Punkt bekommen haben und sie werden nun erfahren, wofür die Sonnenzelte und die Herren im Blaumann vorgesehen sind. Sie werden gebeten dort vorzufahren und ehe Sie sich versehen steht Ihr Auto ohne Seitenverkleidungen da und Ihr Hab und Gut liegt im Freien und ein Hund macht sich darüber her.

Für Reisende, denen dieses sehr unangenehme Erlebnis erspart bleibt, geht es nun, nach dem langen Warten, mit einem atemberaubenden Tempo weiter. Sie bekommen vom Guardia Civil Beamten einen nummerierten Passierschein ausgehändigt und dürfen durch das Tor auf die Hafenmole Fahren. Hier nehmen Sie erneut Guardia Civil Beamten in Empfang, denen Sie den Passierschein aushändigen. So kann sich absolut niemand unkontrolliert an Bord schmuggeln. Man ist erstaunt über eine solche, straffe militärische, lückenlose Organisation.

Schöne Technik – Seenotkreuzer im Hafen von Cádiz.

Schöne Technik – Seenotkreuzer im Hafen von Cádiz.

Kurz vor der Fähre stoppt Sie ein Fährmitarbeiter, der fragt Arrecife oder Las Palmas, denn die Fähre steuert erst Arrecife an und fährt dann nach Las Palmas weiter und drückt Ihnen eine Karte in die Hand, die vor die Windschutzscheibe platziert werden muss. Die Einweiser wissen somit, wo man Sie unterbringen muss. Stehen Sie hinten und wollen nach Arrecife, gibt es für Sie nämlich keine Chance in Arrecife von Bord zu kommen. Wohnmobil Fahrer werden mit den LKWs im Unterdeck eingewiesen, PKWs müssen über eine extrem steile Rampe aufs Oberdeck fahren, die immer salzig nass, zwar gerillt, aber trotzdem sehr rutschig ist. Ängstliche Zeitgenossen ohne 4×4, die hier nicht beherzt aufs Gas drücken, bleiben in der Mitte hängen und lösen ein Verkehrschaos aus. Alle folgenden trifft das gleiche Schicksal, denn ohne 4×4 fahren Sie hier sicher nicht mehr an. Alle zurück heisst es und das dauert. Unmengen Mitreisende mögen Sie ab jetzt schon nicht mehr. Daher ein Tipp: Warten Sie unten, wenn Sie einen Zaudere vor sich haben und fahren Sie erst los, wenn dieser die Rampe geschafft hat, egal was man Ihnen deutet.

In Windeseile füllen die Einweiser die Parkdecks in geordneter Form.

In Windeseile füllen die Einweiser die Parkdecks in geordneter Form.

Heil am Oberdeck angekommen, schwirren überall Einweiser herum, die enorm gekonnt und flink die Autos Stossstange an Stossstange platzoptimiert auffädeln und das nach Arrecife oder Las Palmas sortiert. Eine Meisterleistung. Wer nicht mit Spiegel rückwärts fahren kann, beim Einparken Probleme hat und nicht belastungsfähig ist, könnte hier die Nerven verlieren. Die Einweiser nehmen mangelndes Fahrkönnen mit Humor und helfen, dass jeder seinen Platz findet. Schwere Fälle bekommen einen einfach anzusteuernden Platz zugewiesen. Das Personal hat ein Auge dafür, wer zum Problem werden könnte.

Der Hafen von Cádiz – viele Kreuzfahrtschiffe liegen an der Mole und versperren die Sicht auf die Kathedrale.

Der Hafen von Cádiz – viele Kreuzfahrtschiffe liegen an der Mole und versperren die Sicht auf die Kathedrale.

So rasant geht es auch weiter. Vom Deck durch eine Tür mit der Aufschrift Eingang geht es zur Rezeption. Sie zeigen Ihre Passage und es liegt bereist Schlüssel und Unterlagen sortiert bereit. Ihr Check-in ist eine Sache von 10 Sekunden, ein Steward lauert schon auf sie, nimmt sie freundlich in Empfang und ist mit rasender Geschwindigkeit mit Ihnen unterwegs, damit Sie in dem Gewirr der Gänge Ihre Kabine finden. Um den Anschluss nicht zu verlieren, müssen Sie einen guten Schritt anlegen. Angekommen, wird Ihnen die Kabine aufgesperrt und der Steward ist auch schon wie vom Erdboden verschluckt und sucht seinen nächsten Gast. Es bleibt noch nicht einmal Zeit, ihm ein kleines Trinkgeld zu geben.

Sie haben es geschafft. Sie sind an Bord und ihn Ihrer Kabine. Nun haben Sie knapp zwei Tage viel Zeit!

Die Überfahrt.

Abendstimmung af der Fähre – weit und breit kein Land in Sicht.

Abendstimmung auf der Fähre – weit und breit kein Land in Sicht.

Von erfahrenen Seeleuten wird das Mittelmeer gerne als „Badewanne“ bezeichnet, weil es die meiste Zeit des Jahres und bis auf wenige heikle Gebiete wie das Cap Corse, eine friedliche, ruhige See ist. Ganz anders der Atlantik. Er kann richtig wild und stürmisch werden, mit meterhohen Wellen. Dann ist die Überfahrt, gerade mit der kleinen Transmediterranea Fähre, ein echtes Erlebnis. Meterhohen Wellen brechen am Bug des Schiffes und fegen in Fontänen bis zum Oberdeck. Die Kulisse ist die eines Hollywood Filmes in rauher See. Dem Abenteuer zugeneigte Menschen mag es begeistern, gerade auch, weil einen erstaunlicher Weise niemand abhält, bei diesem Wetter am Deck herumzuspazieren. Das ist nicht ganz ungefährlich. Nicht so abwegig, dass ein grosser Brecher einen mit von Bord nimmt. Man sollte etwas vorsichtig sein. Wer ängstlich ist, wird dieses Szenario nicht lieben und unweigerlich, vieles geht vom Kopf aus, schwer seekrank werden. Da hilft nur frische Luft an Deck und einen ruhigen Horizont anvisieren. Nur kein Alkohol. Dann wird es ganz schlimm.

Auslaufen Cádiz – es geht in den Sonnenuntergang Richtung Süd-West.

Auslaufen Cádiz – es geht in den Sonnenuntergang Richtung Süd-West.

In Sommermonaten kann sich die Überfahrt gänzlich anders gestalten und der Reisende hat von Cádiz bis Lanzarote eine spiegelglatte, ruhige See. Dann hat die Reise etwas romantisches an sich, eine Seereise wie im Bilderbuch. In der Sonne sitzen, den Seewind um die Nase spüren und am Oberdeck Sonnen- auf und Untergang geniessen. Bei dieser Überfahrt ist alles möglich.

Auslaufen – ein letztes Bild von Cádiz noch.

Auslaufen – ein letztes Bild von Cádiz noch.

Ist das Wetter gut, spielt sich das Leben an Bord grossteils im Freien ab und so bunt zusammengewürfelt die Menschen sind, die dieses Schiff besteigen, so unterschiedlich ist auch die Art, wie sie sich die Zeit vertreiben. Einige suchen sich ein ruhiges Eck in der Sonne und lesen, manche führen ihren Hund spazieren, andere machen Yoga am Hubschrauber Landeplatz. Kommunikationsfreudige plaudern mit neuen Bekannten, LKW Fahrer, die die Reise zum ungezählten mal machen, sitzen vor dem Fernseher und schauen sich via Satellit Fußballspiele an, andere hängen in facebook und anderen Medien ab und sind gerade dabei das echte Leben da draussen zu verpassen.

Ruhe und Entspanntheit weht über das Schiff und das ist das Schöne. Da man auf einem reinen Zweckschiff ist, plärrt keine Musik aus Lautsprechern, niemand möchte einen animieren oder irgendwas verkaufen. Die wilde Natur, weite des Atlantiks, die Zeit, die man plötzlich für sich hat animiert viele zum Nachdenken. Man sieht es in vielen Gesichtern.

Letzte Fotos von Cádiz – die Fähre läuft in die Nacht aus.

Letzte Fotos von Cádiz – die Fähre läuft in die Nacht aus.

Unterbrochen wird dieses beschauliche Leben durch die drei Essenszeiten, die jeweils zwei Stunden stattfinden. So gibt es kein Gedränge, jeder geht, wann er Lust hat. Angenehm.

Die Nächte können sehr bewegt werden. Steuert das Schiff in schwere See, stellt man fest, warum die Betten so „unbequem“ gebaut sind. Die Form hindert einen schlichtweg daran, bei einer ordentlichen Welle, die gerade genommen wird, aus dem Bett zu fliegen. Die See kann sogar so schwer werden, dass man sich beginnt festzuhalten. Schneidet das Schiff durch glattes Wasser, hört man nur ein weit entferntes tiefes brummen der mächtigen Schiffsdiesel, das den Reisenden samt der Seeluft in einen tiefen, erholsamen Schlaf befördert.

Ankunft in Arrecife.

Spät nachts läuft die Fähre in ein schlafendes Arrecife auf Lanzarote ein.

Spät nachts läuft die Fähre in ein schlafendes Arrecife auf Lanzarote ein.

Die Ankunft ist nachts in Arrecife auf Lanzarote. “Arrecife” heisst übrigens Riff und deutet darauf hin, dass der Kapitän kurz vor dem Einlaufen noch die Chance hätte, das Schiff zu versenken. War die See schwer, wie im Winter meist, kann es auch der frühe Morgen werden. Je nach gehegten Erwartungen und der See, die man hatte, wird der Eine froh sein endlich wieder festen Boden unter den Füssen zu haben, andere verlassen wehmütig das Schiff. Denn egal, wie man die Reise empfand und erlebte: Es war etwas besonderes. Für die meisten Menschen war es das erste Mal, so weit aufs Meer hinauszufahren, bis kein Land mehr zu sehen ist. Rund herum nur Wasser, so weit das Auge reicht. Mit einwenig Glück Sonnenauf- und Untergänge erlebt, wie so noch nie gesehen. Es ist ein Abenteuer, diese Reise, kein sehr grosses, ein Abenteuer im Kleinen eben.

Vor allem jene, die seekrank das Schiff verlassen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als schnell in einem Bett zu liegen, das sich nicht mehr bewegt, werden bei Ankunft vom Oberdeck entsetzt feststellen: Auf der Mole Guardia Civil Posten. Wieder ein Checkpoint, den jeder durchfahren muss und man fragt sich, trauen die eigenen Kollegen untereinander nicht? Die Kontrolle in Cádiz war wirklich über die Massen streng und genau, was soll das jetzt spät nachts, wenn alle müde sind? An Land gehen konnte man ja unterwegs auch nicht. Es hilft nichts, da muss man durch. Wieder Pass, Fragen woher und wohin und ein Blick in den Wagen. Egal wie spät es ist, wirkt das Innenleben des KFZ gar zu unübersichtlich, dann wird genau kontrolliert. Zum Abschied wird der Reisende noch darauf hingewiesen, so er kein spanisches Kennzeichen hat, dass er mit seinem EU Kennzeichen nur vier Wochen auf der Insel „zirkulieren“ dürfe, danach für drei Monate ein grünes Kennzeichen samt Versicherung fällig wird und will man noch länger bleiben, heisst es, da Sonderwirtschaftszone, das Auto importieren. Dann werden 7% auf den Zeitwert fällig, das kann ins Geld gehen. Auch das sollte man alles berücksichtigen, wenn man mit seinem KFZ auf die Kanaren aufbricht.

Weiter über das Archipel.

Die Jetfähren von Fred. Olsen – beeindruckend. Formel I der Fähren.

Die Jetfähren von Fred. Olsen – beeindruckend. Formel I der Fähren.

Wenn die beiden Jet Motoren der in Australien gebauten Fähren richtig anlaufen, bebt das Wasser.

Wenn die beiden Jet Motoren der in Australien gebauten Fähren richtig anlaufen, bebt das Wasser.

Will man das gesamte Archipel erkunden, ist es natürlich am besten und am günstigsten mit der Transmediterranea bis nach Las Palmas weiter zu fahren. Von hieraus bieten sich die meisten Fährverbindungen auf alle Inseln mehrmals täglich an. Es besteht die Wahl zwischen Armas, der kanarischen Linie, die mit klassischen Fähren und etwas langsamer die Inseln bedient, oder der schwedischen Rederei Fred. Olsen. Fred. Olsen war schon vor über hundert Jahren ein innovatives visionäres Unternehmen und so sehen auch die Fähren heute aus. Beeindruckend, mächtige Katamarane, gebaut in Australien, die Herrscharen von LKWs und Autos im roll-on, roll-off Betrieb verschlucken und rasant über das Wasser befördern. Eine Passage ist ein Erlebnis

Fred. Olsen – innovativ und visionär schon vor weit über 100 Jahren.

Fred. Olsen – innovativ und visionär schon vor weit über 100 Jahren.

Wer erst Lanzarote und Fuerteventura erkunden will, steigt in Arrecife aus. Aus Arrecife gehen in der Folge diverse Fähren auf andere Inseln. Wer nach Fuerteventura weiter will, fährt zur Südspitze Lanzarotes und besteigt dort eine der stündlich ablegenden Fähren an der Costa Blanca nach Fuerteventura. Die Überfahrt dauert kaum 15 Minuten mit Fred. Olsen.

Update 2019 – aktuelle Anmerkungen der Redaktion.

Artikel wie dieser sind Momentaufnahmen und keine wissenschaftlichen Langzeitstudien. Gerade im Schiffsverkehr tut sich viel. Der Verschleiss ist enorm, die Crew wechselt oft, denn der Dienst an Bord ist mörderisch. So kann eine Fährpassage einmal tadellos sein, ein Jahr später katastrophal.

¡Viva España! bemüht sich immer, Artikel ausgewogen und fair zu schreiben, objektiv zu sein, Vermutungen nicht als Tatsachen darzustellen, keinen Stereotypen aufzusitzen. Aber ¡Viva España! hat eine Meinung, denn wer nicht Position bezieht, ist profillos. ¡Viva España! lässt sich aber nicht von subjektiven Erwartungen und Vorstellungen leiten, sondern versucht so gut es geht, eine objektive Basis zu finden. Ein Beispiel: Schreibt ¡Viva España! über ein zwei Sterne Hotel, das es fabelhaft war, gilt dies in Bezug auf die zwei Sterne. Wer sich zwei Sterne eincheckt, darf nicht fünf erwarten und seinen Unmut dann – unberechtigt – kundtun. Für mehr Geld hätte es anderswo auch mehr gegeben.

¡Viva España! sieht von Zeit zu Zeit nach, ob alte Artikel so wie sie stehen, noch Gültigkeit haben. Dabei ist uns aufgefallen, dass die Passagen auf der Transmediterránea “Albayzin” im “Netz” sehr kontroversiell diskutiert werden. Daher wollen wir diesen Artikel hier präzisieren, um einen Beitrag zu einer ausgewogenen und fairen Meinungsbildung zu leisten. Andere mögen Dinge anders als wir gesehen haben, gleiches unterschiedlich bewerten, das hier ist unsere Sicht unter obigen Prämissen:

Artikelbasis: Bilder und Eindrücke dieses Artikels stammen von zwei Passsagen im April 2014 und April 2015. Seitdem kann sich einiges geändert haben. Der Autor des Artikel ist monatlich mehrmals mit spanischen Fähren unterwegs und kennt das Umfeld ausgezeichnet. So konnte das Thema auch in grösserem Zusammenhang gesehen werden. Dass zu diesen Zeiten die Transmediterránea als Monopolist auf die Kanaren unterwegs war, hat mit der Finanzkrise Europas zu tun. In jener Zeit brach der Tourismus am Archipel zusammen und so war gerade einmal pro Woche eine Fähre wie die “Albayzin” halbwegs zu füllen. Die Tarife lagen damals für ein KFZ bis 6 m Länge und Innenkabine mit Einzelbelegung bei rund 550,- Euro für nicht Residente. Von Abzocke kann zu jener Zeit nicht geredet werden, es gab auch kaum jemanden zum Abzocken. Mittlerweile existieren jedoch alternative Angebot von Naviera Armas und Fred. Olsen ab Huelva mit modernen Fähren. Niemand ist mehr gezwungen Transmediterránea zu buchen.

Schiff: Die “Albayzin” ist eine Fähre, die ursprünglich im Mittelmeer im Einsatz war. Viele Infoschilder weisen noch darauf hin, auch dass ihr ursprünglicher Heimathafen wohl Livorno war. Anscheinend ist die Fähre von Transmediterránea nur gechartert. Wer sich unter der “Albayzin” ein Kreuzfahrtschiff mit ebensolchen Kabinen vorstellt, der wird einen Schock erleiden. Die Nutzung von Mittelmeer und Atlantikfähren ist wie Bus fahren. Das Ziel ist schnell von A nach B zu kommen und keine erlebnisreiche Seereise. Poliert und fein ist es in Fähren nie. Während die Passagiere, Autos und LKW das Schiff verlassen, muss die Crew alle Kabinen und das Schiff reinigen und in Schuss bringen, denn einige Stunden später läuft es schon wieder mit neuen Passagieren aus. Es wird auch nicht regelmässig wie ein AIDA Kreuzfahrer drei Monate ins Trockendock gestellt, um es komplett zu renovieren. Besonders nicht in Spanien. “Instandhaltung” ist ein Fremdwort für Spanier. Ob Schiffe, Autos oder sonst etwas – es wird “runtergefahren” bis es nicht mehr geht und dann entweder ausrangiert oder generalsarniert. So sehen dann Fähren eben aus. Das ist bei Transmediterránea so, auch bei Armas, nur Fred. Olsen unterscheidet sich, aber das ist eben eine norwegische Rederei. Da die “Albayzin” eher alt ist und wohl für das Mittelmeer konzipiert wurde, das, nimmt man den Golf von Lyon aus, von Seeleuten als Badewanne bezeichnet wird, kämpft das Schiff doch etwas mit den Bedingungen am Atlantik. Es tendiert dazu enorm zu stampfen und zu rollen, was alles für Landratten ein Horror bzw. beängstigend ist. Der Kapitän steuert auch einen radikalen Kurs der kürzesten Linie, denn er wird an der Pünktlichkeit gemessen, läuft also nicht so zu den Wellen, dass es für Passagiere angenehmer würde. Unterstütz wird er dabei von der auch relativ erheblichen Motorisierung der “Albayzin”. Die Schiffsdiesel leisten ansehnliche 30.000 PS, welche die “Albayzin” auch gegen brutale Wellenberge brachial anlaufen lässt. Das ist für diesen Schiffstyp im oberen Segment angesiedelt und ist bei rauer See ein wichtiger Sicherheitsfaktor. Die Überfahrt ist eine raue, harte Passage, nichts für Ängstliche und nichts für Menschen, die leicht seekrank werden. Diese Wildheit hat aber auch etwas.

Sauberkeit: Die Sauberkeit entsprach “dem Üblichen” auf dieser Art von Fähren. Weder war es unhygienisch noch schmutzig, Abfall lag auch keiner herum, die Abfallkörbe wurden geleert. Ritzen und Ecken zu observieren ist fehl am Platz, denn die “Albayzin” ist kein Wüstenrot Eigenheim sondern eine Atlantikfähre im Dauereinsatz. Die Kabinen waren angemessen sauber, das Bad der Kabine ebenso. Ein verpacktes Stück Seife wie anno dazumal in Frühstückspensionen lag auch bereit und der Wasserdruck liess eine ansprechende Dusche bei heissem Wasser zu. Der Duschvorhang auch nicht verschimmelt und versifft wie in so manchen all-in Hotels und auch keine Kakerlaken waren zu sehen. Eine längere Kreuzfahrt möchte der Gast natürlich in einer derartigen Kabine nicht verbringen. Aber dafür ist sie auch nicht gedacht.

Sicherheit: Sicherheitsübungen sind auf Fähren nicht üblich und auch nicht vorgeschrieben! Es sind eben keine  Kreuzfahrtschiffe. Lediglich eine Lautsprecherdurchsage ist Pflicht, die gab es und ein Sicherheitshinweis an der Kabinentüre. Auch diesen gab es. Schwimmwesten müssen auch nicht in der Kabine vorhanden sein, nur an Deck. Trotzdem gab es in der “Albayzin” in der Kabine Schwimmwesten. Der Autor des Artikels, selbst im Besitz eines gültigen internationalen Schiffspatentes, konnte 2014 und 2015 keine vergammelten Rettungseinrichtungen entdecken, da er sich auch explizit dafür interessierte. Einige Fotos des Artikels zeigen diese auch in tadellosem Zustand. Die Rettungsinseln waren modern und mit Prüfsiegel versehen und korrekt montiert und zwar so, dass sie unmittelbar abgeworfen werden konnten. Einer der wichtigsten Faktoren! Auch die motorisierten Rettungsboote machten einen guten Eindruck. An Deck befanden sich ausreichend Kisten mit Rettungswesten, die verfügbare Menge angeschrieben. Teils wird bemängelt, dass sie nicht verschlossen sind. Nun, wenn ein Schiff sinkt hat niemand Zeit mit einem Schlüssel von Kiste zu Kiste zu gehen. Daher wird auch das Stehlen von Rettungsmitteln drakonisch bestraft, da es weit über einen normalen Diebstahl hinaus geht. Auch die Rettungswesten in der Kabine, nicht vorgeschrieben, waren übliche und einwandfrei. Beim An- und Ablegen fielen keine riskanten Manöver auf. Auch wurde das Heck der Fähre sofort nach dem Ablegen geschlossen und gesichert und beim Anlegen erst beim Anlagemanöver im Hafen geöffnet. Alles so, wie es gute Seemannschaft verlangt. Das Anlaufen des kleinen Hafens von Arrecife und Anlegen bei nicht gerade optimalen Bedingungen erfolgte kontrolliert und butterweich. Der Autor könnte nichts bemängeln.

Embarque: Das an Bord fahren ist keineswegs chaotisch sondern gut organisiert und die Einweiser leisten einen tadellosen Job. Das teilweise als schikanös bezeichnete Anstellen im Hafen in S-Schlangen, dass der Crew angelastet wird, da diese anscheinend lieber “Mittagspause” macht, ist völliger Unfug, denn es ist ein Fahrplan einzuhalten! Den meisten Passagieren dürfte nicht auffallen und das ist durchaus so gewollt, dass in diesem Zeitraum des “sinnlosen Wartens”, die Guardia Civil mit Drogen- und Sprengstoffhunden durch die Auto Schlange unterwegs ist. Setzt sich die Schlange endlich in Bewegung steht schon lange fest, wer am Guardia Civil Kontrollpunkt herausgezogen wird. Das wird dann übel, denn unter dem Zelt räumen die beiden Mechaniker im Blaumann das Auto in Windeseile leer und demontieren ggf. auch die Seitenverkleidungen. Das Warten dient auch der eigenen Sicherheit gerade in der heutigen Zeit. Ohne diese Kontrolle wäre es ein Leichtes, ein mit Sprengstoff beladenes Auto auf die Fähre zufahren! Ein perfektes Terrorziel mit viel Aufmerksamkeit.

Crew: Die Crew war durchwegs freundlich und hilfsbereit. Jeder Passagier wurde in Empfang genommen und durch die, auf Schiffen immer etwas verwirrenden Gänge, zu seiner Kabine geführt. Wer verloren während der Passage herumirrte, weil er seine Kabine nicht mehr fand, wurde auch sofort zu seiner Kabine gelotst und zwar ohne darum zu bitten. Das Barpersonal war freundlich und streng. Wer dachte, er könnte ermüdet seine Füsse auf einen Sessel legen, wurde sofort zur Ordnung gerufen. Passagiere, die es lieben über die Crew herzuziehen, sollten sich in Erinnerung rufen, unter welchen Bedingungen die Menschen dort arbeiten. Sie verbringen tagelang auf einem Schiff und das meist bei rauem Atlantik Wetter, von dem jeder Tourist froh ist nach knapp zwei Tagen wieder herunter zu kommen. Sie stehen immer unter Zeitdruck, schlafen kaum und wenn im letzten Verschlag, fast alle müssen putzen, sind schlecht bezahlt, ein freundliches Danke hören sie nie und Trinkgeld gibt ohnedies nicht. Kurzum, es ist ein schlecht bezahlter Knochenjob, den kein durchschnittlicher Deutscher machen würde. Daher kommt dann die Crew auf spanischen Fähren auch aus Kuba, Lateinamerika etc. Hat man dies alles im Kopf, dann war bei den Überfahrten 2014 und 2015 das Verhalten der Crew absolut nicht zu beanstanden. Und ein kleiner Tipp: Einwenig Spanisch und ein kleines Trinkgeld befördert jeden, der gerne etwas besser als die Masse behandelt werden möchte, zum VIP Passagier. Garantiert.

Verpflegung: Das Essen ist inkludiert. Es sollte auch kein grosses Thema daraus gemacht werden, denn bei wilden Atlantik Passagen ist den meisten Gästen ohnedies schlecht, spätestens dann, wenn eine üppige Mahlzeit zu sich genommen wurde. Auf Fähren, die nicht wie grosse Kreuzfahrtschiffe mit aufwändigen Stabilisatoren ausgestattet sind, wird die Überfahrt für jene am angenehmsten, die zwei Diättage einlegen. Bei den Überfahrten 2014 und 2015 war das Frühstück südländisch spartanisch, das Abendessen ausreichend, ebenso die Auswahl, die Qualität auf dem Niveau einer mittleren deutschen Werkskantine. Wer sich mehr erwartet, kann auch eigene Verpflegung mit an Bord nehmen, was z.B. LKW Fahrer gerne machen. In der Bar lassen sich auch Kleinigkeiten kaufen. Satt wird an Bord jeder irgendwie. Es ist eben eine einfache “Busfahrt” auf dem Wasser und kein Gourmettempel.

Abschliessend sei vermerkt, dass beim grossen ADAC Fähren Test die “Albayzin” mit “gut” bewertet wurde. Auch der ADAC scheint eine ähnliche Sicht wie ¡Viva España! zu haben.

April, 2019, Die Redaktion.

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