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Allgemein Reise

Gorona del Viento – El Hierro und die Energie des Nordost Passat.

Energie – weiss jemand was das ist?

Die Einheit für “Energie” ist “Joule”, benannt nach James Prescott Joule. Eine der fundamentalen Grössen der Physik, deren Definition erstaunlich schwammig als “Fähigkeit Arbeit zu verrichten” ausfällt. “Energie” ist mehr ein Sammelbegriff, denn “Energie” tritt in unterschiedlichsten Formen auf. Am bekanntesten Lage-, kinetische und thermische Energie, aber auch chemische, Verformungs-, Feldenergie, Gravitations-, Rotationsenergie und viele andere Energiearten existieren. Die gebräuchliche wissenschaftliche Definition, also die Fähigkeit Arbeit zu verrichten, wird überraschend präzise in der Umgangssprache verwendet. „Ich habe heute keiner Energie …“, Sport zu machen oder zu arbeiten, eben nicht fähig oder willens Arbeit zu verrichten.

Jede Sekunde prasseln enorme Energiemengen aus dem Weltall auf unseren Planeten, energiereiche Winde streichen rund um den Globus, im nuklear befeuerten Erdkern schlummern gigantische Energiemengen, die in ihrer Grösse nur erahnt werden können. Könnten all diese Energiequellen verfügbar gemacht werden, kein einziges Kilo fossilen Brennstoffes müsste verfeuert werden. Energie ist im Überfluss vorhanden. Und diese Energie kann auch nicht verbraucht werden. Die Frage, woher diese Energie stammt, treibt Physiker in die Gebiete des Philosophischen. Energie ist immer vorhanden, verschwindet nie, ändert nur ihren Zustand. Das sagt der Energieerhaltungssatz. Und das ist äusserst faszinierend. Die Gesamtmenge an Energie in unserem Universum, betrachtet als geschlossenes System, ist eine konstante Grösse. Und jene, die das bezweifeln, versuchen noch heute ein Perpetuum Mobile zu erfinden. Erfolglos, denn Energie wird nicht erzeugt sondern nur umgewandelt. „Energieerzeuger“ sollten sich eigentlich „Energieumwandler“ nennen, denn das träfe es exakt. Es würde auch ein Dilemma beschreiben, in dem der Planet aktuell steckt: Energie, gebunden in fossilen Brennstoffen, wird so umgewandelt, dass sich unser Planet derzeit nicht zum Positiven entwickelt, so er das jemals tat.

In Hysterie zu verfallen ist keine gute Strategie, in Fatalismus aber auch nicht. „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“ schrieb einst der persische Mystiker Dschalal ad-Din ar-Rumi. Die Welt kann zwar digital abgebildet werden, ist es aber nicht. Im echten Leben sind es die Grauschattierungen, die praktikable Lösungen liefern. Und so ist es auch im Energiebereich. Richtig und Falsch gibt es nicht. Das lehrte uns die Quantenphysik und stellte die klassische Physik damit auf den Kopf. Nichts ist sicher in unserer Welt. Alles ist nur eine Wahrscheinlichkeit. Der Mensch lebt in einem grossen, ungewissen Ganzen. Verändert er nur ein Teil davon, ist der Ausgang des Experimentes unbestimmt, nur eine Wahrscheinlichkeit, nichts ist sicher vorhersehbar. Ein grosser Vulkanausbruch könnte unseren Planeten binnen eines Jahres in eine temporäre Eiszeit befördern. So einfach ist das. So komplex das Ganze und so ungewiss die Zukunft. Der Ansatz zu überleben ist Adaption, das erkannte Darwin und das ist das meta Thema für alle Probleme, mit denen sich die Menschheit je konfrontiert sah und sehen wird.

Was ist eigentlich Was ist eigentlich Energie? (© CC)?

Was ist eigentlich Energie? (© CC)

Energie Dilemma – anzapfen, umwandeln, speichern, verteilen.

Das Energie im Überfluss vorhanden ist, keine grosse Erkenntnis. Das Dilemma liegt im Technologischen, da sich das Universum nicht nach den Energienutzern richtet. Im Kern gilt es fünf grosse Themenkreise zu lösen:

  1. Energiequellen erschliessen – Windräder, Pelton Turbine etc.
  2. Energie in nutzbare Formen umwandeln – Stromgeneratoren, photokatalytische Wasserspaltung (molekularer Wasserstoff) etc.
  3. Energie speichern – als Potentialenergie („Speichersee“), elektrochemisch („Batterie“) etc.
  4. Geeignete Energieformen verteilen – Stromnetz, Wasserstoff Behälter etc.
  5. Wirkungsgrad über alles maximieren – Transportverluste (z.B. in Form thermischer Energie), Änderung Aggregatszustand (z.B. „Speichersee“ verdunstet),  chemische Entladung (Batterie) etc.

Geht es um die Nutzung sogenannter regenerativer Energie, dann ist das zentrale Problem die „Energiespeicherung“, das konservieren der „eingefangenen“ Energie, denn Wasser, Wind und Sonne halten sich nun mal nicht synchron an die Bedürfnisse der „Energieverbraucher“. Die schlechteste Art Energie zu speichern sind Batterien, wie wir sie heute kennen. Rohstoffintensiv, extrem umweltbelastend, mässiger Wirkungsgrad, geringe Energiedichte. Ganz hervorragende Energiespeicher sind altbekannte Methoden. Der gute alte Stausee, den schon Perser und Römer nutzten. Enorme Energiemengen können „eingefangen“ werden (daher im Spanischen auch „la presa“ für gefangen) und als potentielle Energie gelagert werden.

Erstklassig eignet sich auch die „photokatalytische Wasserspaltung“, Wasser nicht zu Wein sondern zu molekularem Wasserstoff, also H2, zu wandeln. Das geht mit Sonne, Parabolspiegeln und Wasser – das ist alles. Ein transportabler, haltbarer Energieträger von sehr hoher Energiedichte lässt sich herstellen. Die Energiedichte so hoch, dass sich ein Transport rund um den Erdball schon rein wirtschaftlich lohnen würde. Beim Verbrennen von H2 entsteht nichts ausser Wasserdampf, reinstes H2O, das Ausgangsmaterial. Aus dem Auspuffrohr eines Autos mit HVerbrennungsmotor käme nur Wasserdampf. Betankt würde es über die bestehenden Infrastruktur, den “Tankstellen” eben. Genial einfach, unschlagbar umweltfreundlich, sensationelle Ökobilanz aber so gar nicht angesagt. Molekularer Wasserstoff zu einfach, damit lässt sich nicht das grosse Geld machen.

Der Speichersee – die beste Art Energie zu speichern. (© iStock | Dieter Meyrl)

Der Speichersee – die beste Art Energie zu speichern. (© iStock | Dieter Meyrl)

Energie autarkes El Hierro – eine Vision wird geboren.

El Hierro hatte schon recht frühzeitig den Plan, sich der „Energiewende“ zu stellen, in einer Zeit, als der erste Hype um das Thema Umwelt schon wieder verflogen war. Da war gerade etwas anderes aktuell, um die Menschheit in Panik zu versetzen: Die Weltwirtschaftskrise 1991 bis 2001 ausgelöst durch den Börsencrash in New York von 1987. Kollektive Ängste zu Themen wie Waldsterben, Atomenergie oder Vogelgrippe, wichen den greifbaren Problemen des Alltags: Verliere ich meinen Job, kann ich die Hypothek noch zahlen, warum haben sich meine Ersparnisse in Luft aufgelöst? „Fridays for Future“ – alter Hut in neuem Gewandt, der bereits in Jahr eins Sommerpause macht. Auch Panikattaken werden schnelllebiger aber auch fotogener und “Selfie tauglicher”.

Als am 27. November 1997 das Cabildo von El Hierro den „Plan de Sostenibilidad de EL Hierro“ präsentierte, das Ziel als erste Insel der Welt energieautark zu werden, interessierte das herzlich wenig. Jene, die mitbekamen, was am „Ende der Welt“ sich einige Hinterweltler ausgedacht hatten, belächelten das Ganze. Bei der Dampfmaschine, welche die industrielle Revolution einläutete, war es ähnlich. Unbeachtet von der Welt nahm dann alles seinen Lauf. Die UNESCO ernannte El Hierro 2000 zum Biosphären Reservat, 2007 begann die Projektierung einer Kraftwerksanlage, die Strom aus regenerativen Energiequellen liefern sollte und bereits sieben Jahre später am 27. Juni 2014 drehten sich die ersten Windräder auf dem Bergkamm des „Rivera“ in gut 500 Metern Höhe über dem Meer.

Das neue Kraftwerk sollte die Dieselaggregate der ENDESA, S.A. in Llanos Blancos ersetzen, die bisher 100% des Stromes für die Insulaner lieferten. Die ausgegebene Devise ab nun 100% Strom aus den Kräften des Nordost Passat gewinnen zu wollen, zog bei der Weltpresse, obwohl jeder Techniker wusste, aktuell kann das nur Fiktion sein. Aber so kam die Meridian Insel, die kaum jemand auf der Weltkarte gleich findet, in die Schlagzeilen. Das gelingt ihr sonst nur, wenn wieder einmal ein Unterwasservulkan fotogen ausbricht. Die schreibende Zunft gab der Devise gleich bunte Bilder, schrieb, dass alsbald nur noch Elektrobusse auf der Insel verkehren würden, Autos würden in Bälde folgen, paradiesisch würde es werden, wo auch immer diese Insel liegen möge. Der medialen Begeisterung folgte Schadenfreude als feststand, 100% werden es wohl nicht werden, man läge so knapp über 50% grüner Energie.

Das Thema 50% sachlich betrachtet heisst, dass bis 2019, also in nur fünf Jahren Betrieb, 80.000 Tonnen CO2 Emissionen vermieden und 20.000 Tonnen Diesel nicht verfeuert wurden. Pro Kopf hat damit El Hierro mehr für das Weltklima getan, als die meisten Andere. Anerkennung statt Häme wäre die richtige Antwort und nachzudenken, wie das System weiterentwickelt und anderen Ortes eingesetzt werden könnte. Die griechische Insel Ikaria in der Ägäis arbeitet schon daran, Gorona del Viento zu kopieren.

El Hierro und der Gorona del Viento Speichersee "La Caldereta". (© CC)

El Hierro und der Gorona del Viento Speichersee “La Caldereta”. (© CC)

Gorona del Viento, S.A. – eine Vision wird Realität.

2007 wurde der Vision von einem energieautarken El Hierro mit der Gorona del Viento, S.A., einer Aktiengesellschaft, Form und Gestalt verliehen. Anteilseigner sind zu 60% das Cabildo Insular de El Hierro, 10% das Gobierno de Canarias in Form des „Instituto Tecnológico de Canarias“ und die ENDESA, S.A. mit 30%.

ENDESA ist das grösste private Energieunternehmen in Spanien und Lateinamerika. Gegründet 1944 in der Franco Diktatur als Staatsbetrieb, um die Transformation vom Agrar- zum Industriestaat zu fördern, wurde ENDESA in den 1970iger privatisiert. 2005 warf E.ON einen begehrlichen Blick auf das Unternehmen, um zum weltgrössten „Energieerzeuger“ aufzusteigen. Die feindlichen Übernahmeversuche wurden energisch abgewehrt, doch schlussendlich half alles nichts. ENDESA landete bei der italienischen Enel S.p.A., die aktuelle 92% der ENDESA Aktien hält. Die Aktien der Enel wiederum liegen zu 24% beim italienischen Wirtschaftsministerium, zu 58% bei institutionellen Anlegern und die restlichen 18% breit bei Privatanlegern gestreut. Die Welt der Energie ist nicht nur technologisch sondern auch finanztechnisch Komplex.

Das finanztechnische Gebilde der Gorona del Viento, S.A. ermöglichte, dass die Investitionssumme von 64,7 mio Euro aufgebracht werden konnte. Im Jahr 2018 erwirtschaftete das Unternehmen den ersten Gewinn, der 1,9 mio Euro betrug. In guter spanischer Manier wurden sofort 1,7 mio. Euro an die Anteilseigner ausgeschüttet. Somit kamen den Hierros 1,02 mio Euro zu Gute, pro Kopf sind das 102 Euro, 170.000,- Euro gingen an das Instituto Tecnológico de Canarias für Forschungszwecke, 510.000,- Euro flossen der ENDESA zu, ein Betrag, der in diesem Konzern nicht weiter auffällt. Dagegen muss ENDESA die Umsatzeinbussen im Dieselkraftwerk Llanos Blancos und die daraus resultierende Gewinnreduktion rechnen, was Gorona del Viento, S.A. für ENDESA wohl zum Verlustgeschäft werden lässt.

Gelegentlich ist in der Presse zu lesen, Hierros würden unter den enormen Strompreisen leiden, die „Green Energy“ eben verursachen würde. Richtig ist, dass im interinsular Vergleich die El Hierro KWh die teuerste am kanarischen Archipel ist. Dass sich Hierros darüber aufregen würden, fern ihrer Natur. Die Kosten für eine KWh Stunde schwanken nach Tageszeit deutlich. Die Profession des „Stromablesers“ in Spanien bereits ausgestorben, da Smart Meter allgegenwärtig sind, lässt sich der Strompreis leicht steuern. Das bietet Anreize die Last des Netzes zu glätten, Netzspitzen zu reduzieren. Bei einem max. Tagesverbrauch von 10 KWh, das entspricht dem Durchschnittsverbrauch eines zwei Personen Haushalts in Deutschland mit elektrischer Warmwasserbereitung, schwankt der Preis (Grund- und Arbeitspreis) zwischen 16 und 2 Cent pro KWh (Quelle: Aura Enérgia). In Deutschland liegt der Bundesschnitt aktuell bei 30 Cent bei identen Annahmen (Quelle: Stromauskunft).

Wind- und Pumpspeicherkraftwerk Gorona del Viento El Hierro.

Wind- und Pumpspeicherkraftwerk Gorona del Viento El Hierro.

Das Konzept – einfach und bewehrt neu zusammengesetzt.

Gorona del Viento ist im Sinne des üblichen Sprachgebrauchs nichts Innovatives. Seit Jahrzehnten bewährte Technologie wurde zu einem neuen System zusammengesetzt. Fachlich wird dies als Verfahrensinnovation bezeichnet.

Das Konzept einfach wie solide. Windturbinen werden durch den Nordost Passat angetrieben, Generatoren erzeugen Strom und speisen sie ins Netz ein. Überschussenergie wird dazu verwendet mittels Pumpwerk aus einem Wasserreservoir an der Küste in Llanos Blancos Wasser in einen Speichersee auf rund 700 m Seehöhe zu pumpen, um dort „Energie zu lagern“. Läuft das Netz in ein Defizit, übernehmen Pelton Turbinen in Llanos Blancos, angetrieben durch Wasser aus dem Speichersee „La Caldereta“, teilweise oder vollständig mit ihren Generatoren die Stromproduktion. So der Speichersee zur Neige geht, greifen die ENDESA Diesel Generatoren neben dem Wasserkraftwerk ein.

Die grosse Schwierigkeit, mit der sich Gorona del Viento konfrontiert sieht, ist die extrem schwankende Energiemenge, die aus dem Nordost Passat entnommen werden kann. Der Passat ist ein thermischer Wind und entfaltet in den Sommermonaten so enorme Kraft, dass die Windturbinen sogar gebremst werden müssen. Nachts schläft der Nordost Passat ein und meldet sich erst wieder vormittags in voller Stärke zurück. Im Herbst und Frühling weht er beständig und optimal für das Kraftwerk, im Winter herrschen auch windstille Perioden. Diese Zeiten mit dem vorhandene Speicherbecken zu überbrücken, ist von der vorhandenen Energiemenge her unmöglich. Nur bei einer Erweiterung des Systems, Einbindung anderer Quellen o.ä., könnte El Hierro energieautark werden. Energieautark nur auf das Stromnetz bezogen. Bekannte Tatsache.

El Hierro als Blaupause zu sehen wäre technikfremd. El Hierro ohne jegliche Industrie, der grösste Stromkonsument die Meerwasser Osmose Anlage und die Pumpen, die das Wasser über die Insel verteilen, nur 10 tsd. Einwohner, lediglich 40 tsd. Touristen verirren sich p.a. auf die Meridian Insel, Klimaanlagen werden nicht benötigt, im Winter tut einwenig heizen nachts gut wenn auch nicht unbedingt notwendig. Das Stromnetz isoliert und nicht vernetzt einfach übersichtlich. Verbrauchsspitzen kann der erfahrene Techniker von Hand aufzeichnen. Der Tagesdurchschnittsbedarf der Insel liegt bei lediglich 9 MWh, das sind 0,9 KWh pro Kopf. In Deutschland beträgt er aktuell 19,7 KWh pro Tag und Kopf (Quelle: statista). El Hierro, eine andere Welt auch in Bezug auf den Bedarf an elektrischer Energie.

Das Herz – der Windpark am Höhenkamm des „Rivera“.

Es hätte wohl kein besserer Ort für einen Windpark auf El Hierro gefunden werden können, als jener des westlichen Höhenkamms des Gipfels „Rivera“ (537 m). Der Nordost Passat trifft mit voller Energie in der kleinen Bucht „El Pachonero“, die vom „Barranco de Santiago“ geformt wurde, erstmals auf Land. Die Bucht liegt exakt am nördlichen Ende der Landebahn des Aeropuerto de El Hierro.

Die Winde des Passat strömen in den „Barranco de Santiago“ und werden dort durch den Düseneffekt massiv beschleunigt. Der Nordost Passat feucht, da er hunderte Kilometer über den Atlantik striff und kräftig Wasser „tanken“ konnte. Die Winde ziehen im Tiefflug über die Meeresoberfläche und treiben durch die Reibung am Wasser den Kanaren Strom an, der aus dem Azorenstrom hervor geht. Der Kanaren Strom biegt, abgeleitet durch die Coriolis Kraft, nördlich oberhalb der Kapverdischen Inseln Richtung Kuba ab und trifft an der mexikanischen Küste wieder auf Land. Einst wie heute die klassische Südpassage über den Atlantik, um mit dem Kanaren Strom unter dem Kiel und dem Nordost Passat im Rücken schnell und energiesparend nach Lateinamerika über zu setzen. Auch Wale und Haie nutzen den Strom und lassen sich von ihm treiben.

Der Bergkamm des „Rivera“ ist samt seiner Windanlage in Sommermonaten ab vormittags in Wolken gehüllt. Der feuchte Passat steigt von Meeresniveau durch den Barranco de Santiago auf 500 m auf, die Feuchte kondensiert aus und bildet dichte Wolken. In den Windmonaten Juli und August ist es ein faszinierendes Erlebnis dort oben auf dem Kamm zu stehen. Die Windspitzen so stark, dass sich auch schwere Besucher immer wieder festhalten müssen, um nicht umgerissen zu werden. Unterlegt wird das Spektakel durch die Wolkenszenerie: Waschküche und stahlblauer Himmel können sich im Sekundentakt ablösen. Wer im Sommer in El Hierro ist, sollte es erleben.

Auf dem Bergrücken stehen von Osten nach Westen aufgefädelt auf 27.000 m² fünf Windturbinen des Typs „Enercon E-70“: 525 m – 516 m – 532 m – 500 m – 525 m Seehöhe. Ein spezieller Turbinen Typ, der eigens für küstennahe Standorte konzipiert wurde, ausgestattet mit „Pitch Control“, also gebremst werden kann. Weht der beschleunigte Passat im Sommer mit Orkanstärke, würden ungebremste Rotoren mechanisch zerlegt werden, nachdem bereits die Generatoren durchbrannten. Jede Turbineneinheit mit Nennleistung 2,3 MW, macht in Summe 11,5 MW, die im Sommer voll ausgeschöpft werden können. Dem Techniker stechen besonders die profilierten und verstellbaren Rotoren auf den 64 m hohen Einheiten ins Auge. Konstruktiv elegant mit Tragflächenprofil zur Maximierung des Wirkungsgrades, die „Pitch Control“ ermöglicht den Stellwinkel zu verändern, um die Drehzahl zu steuern. Überraschend auch wie leise die Rotoren arbeiten. Im Wind gehen die Geräusche völlig unter.

Techniker werden in dieser Anlage eine gewisse Schönheit sehen, andere wiederum beschweren sich über die Verschandelung des Landschaftsbildes. Abgesehen von Symmetrie, ist Schönheit eine sehr subjektive Sache. Nüchtern muss aber festgehalten werden, vieles im Leben ist ein Trade-off: Keine Dieselgeneratoren und keine Windräder geht eben nicht, wird von Atomtechnologie und ähnlichem abgesehen. Derzeit jedenfalls. Auch ein Wellenkraftwerk wäre nicht die Lösung.

Der Speichersee – natürliches Becken des „La Caldereta“.

Der Speichersee des Kraftwerksystems wurde im Vulkankrater „La Caldereta“ angelegt, der wie dafür eigens geschaffen über Llanos Blancos liegt und über einen Geländeeinschnitt, einen Barranco, topographisch mit Llanos Blancos verbunden ist. „La Caldereta“ ein Ellipsoid, das unterseitig plan abgeschnitten ist und so einen flachen Boden besitzt, die äquatorial Achsen mit 350 mal 200 Metern. Der niedrigste westliche Kraterrand erreicht eine Höhe von 729 m, der Kraterboden liegt plan auf 698 m Seehöhe. Die Planung so auszulegen, dass er komplett gefüllt werden könne, war ein Planungsfehler, der mehr als unverständlich ist. Jedem bekannt, dass Vulkanröhren und Vulkanblasen allgegenwärtig sind und der Kraterboden einer derartige Belastung auf Dauer wohl nicht standhalten würde. Weiters ist das hohe Erdbebenrisiko zu berücksichtigen. Bei einem Bruch würde sich schlagartig der gesamte Speichersee durch den Barranco de Tiñor zum Playa de Varadero und Puerto de la Estaca entleeren. Zu riskant.

So kann „La Caldereta“ maximal bis zu einer Spiegelhöhe von 715 m Seehöhe gefüllt werden. Das sind 380.000 m³ bei einer Oberfläche von 56.000 m² und 17 m Tiefe. Zu diesem Zeitpunkt stand fest: das Ziel 100% energieautark ist mit dem Kraftwerkskonzept rechnerisch nicht umsetzbar. Zu allem Übel kommt der hohe Wasserverlust durch Verdunstung hinzu, der, warum auch immer, falsch eingeschätzt wurde. Einwenig liegt der Geruch in der Luft, das Projekt wurde von Anbeginn schön gerechnet. Aber das ist reine Spekulation und auch BER und Stuttgart21 geben so manche Rätsel auf. Um den Speichersee abzudichten, wurde er mit einer PVC-P Folie ausgelegt, „P“ für plastisch. Spezielle Weichmacher schützen die Folie vor Spannungsrissen. Der Speichersee wird übrigens ausschliesslich mit aufbereiteten Seewasser gefüllt. Salzwasser würde die PVC-P Membran, die Stahlrohre und die Turbinen in Kürze zerstören.

Wind- und Pumpspeicherkraftwerk Gorona del Viento El Hierro.

Wind- und Pumpspeicherkraftwerk Gorona del Viento El Hierro.

Hydraulische Energieübertragung – das Pump- und Fallrohr.

Fall- und Pumprohr für den Speichersee verlaufen grossteils oberirdisch durch den Barranco de Teñor und führen ab einer Seehöhe von rund 500 m die letzten 200 Höhenmeter durch einen Stollen im „Lomo del Gamonal“, hinauf zur Ventilstation am westlichen Kraterrand des „La Caldereta“. Das Pumprohr aus Stahl mit einem Durchmesser von 813 mm und einer Länge von 2.940 m, das Fallrohr ebenso aus Stahl mit einem Durchmesser von 1.016 mm und 2.577 m Länge. Die Pumpstation in Llanos Blancos ausgestattet mit zwei 1.500 KW und sechs 500 KW Pumpen. Die Fallhöhe der Turbinenpipeline mit rund 700 m Höhendifferenz kann sich sehen lassen. Zum Vergleich die Hauptstufe des legendären Salzburger Kraftwerks Kaprun weisst 891 m auf, die Nebenstufen bewegen sich um die 300 m Fallhöhe.

Wind- und Pumpspeicherkraftwerk Gorona del Viento El Hierro.

Wind- und Pumpspeicherkraftwerk Gorona del Viento El Hierro.

Wasser Reservoir, Turbinen + Generator Zentrale – Llanos Blancos.

Direkt neben den ENDESA Dieselaggregaten und der Meerwasser Entsalzungsanlage, liegt das Wasserreservoir und die Turbinen- und Generatoren Zentrale von Gorona del Viento. Das Wasserreservoir stellt eine maximalen Kapazität von 150.000 m³ bereit. Im Turbinen und Generatoren Haus wurden vier state-of-the-art Pelton Turbinen installiert, deren Geschwindigkeit reguliert werden kann. Sie liefern in Summe 11,3 MW Nennleistung. In Kombination mit dem Windpark, der eine Nennleistung von 11,5 MW bereit stellt, stehen hypothetisch 22,8 MW Nennleistung dem Netz zur Verfügung. Völlig ausreichend,  das Stromnetz von El Hierro auch bei extremen Spitzen, bei entsprechender Steuerung, stabil zu halten. An windstillen Tagen wird es allerdings auch bei prall gefülltem Speichersee eng und ein Eingreifen der Dieselgeneratoren bei Netzspitzen ist kaum vermeidbar.

Wind- und Pumpspeicherkraftwerk Gorona del Viento El Hierro.

Wind- und Pumpspeicherkraftwerk Gorona del Viento El Hierro.

13. Juli 2019 – 24 Tage in Folge Zukunft.

Vom 13. Juli bis 7. August 2019 stellte Gorona del Viento einen Rekord auf: 24 Tage in Folge standen die Dieselgeneratoren der ENDESA in Llanos Blancos still. Über drei Wochen erzeugte ausschliesslich das kombinierte Wind- / Pumpspeicher-Kraftwerk die elektrische Energie für El Hierro. Die Halbjahresbilanz sieht auch nicht schlecht aus, wurden 52% der benötigten 20,5 GWh durch Gorona del Viento produziert. Über das Jahr wird sich dieser Wert noch erhöhen, da im Sommer die „Windsaison“ beginnt. Der Nordost Passat fegt durch die Windenergie Anlage mit Orkanstärke. 2018 war die Jahresbilanz exakt 56,5% Green Energy, den anderen Teil steuerten die Dieselaggregate bei. Nein, keine 100%, aber deutlich besser als 0%.

Die aktuelle Installation von Gorona del Viento wird nie ein energieautarkes El Hierro ermöglichen. Vor allem dann nicht, wenn an E-Mobilität auf der Insel gedacht wird. Ohnedies die Frage, ob es nicht intelligenter ist, über molekularen Wasserstoff als Energieträger der Zukunft in Sachen Mobilität nachzudenken. Dogmatische Ansätze, die missionarisch verbreitet werden, bringen nie Gutes hervor. Die Welt ist nicht digital, „Strom“ nicht die einzige Alternative zu fossilen Brennstoffen. Der Weg in Richtung „Green Energy“ führt über einen intelligenten Mix unterschiedlicher regenerativer Energiequellen. Ohne diese Erkenntnis, wird die Menschheit auf der Stelle treten. Gorona del Viento ist ein erster Schritt am richtigen Weg, der noch zu Ende gegangen werden muss. Aber wenigstens wurde auf El Hierro die Reise bereits angetreten, während anderen Ortes vorwiegend geredet, freitags demonstriert wird.

Wind- und Pumpspeicherkraftwerk Gorona del Viento El Hierro.

Wind- und Pumpspeicherkraftwerk Gorona del Viento El Hierro.

Hin und rum.

Reisende, die einen Besuch der Meridian Insel planen, werden merken, warum die alten Griechen die Insel als das Ende der westlichen Welt verstanden. Auch heute ist das noch irgendwie so, nicht nur geografisch. Zu erreichen ist der Airport von El Hierro VDE, man ist geneigt eher Flugfeld zu schreiben, einmal täglich von Las Palmas de Gran Canaria LPM mit Binter oder dem nördlichen Airport TFN von Teneriffa täglich jeweils einmal mit Binter und einmal mit canaryfly. Auch eine Autofähre verkehrt. ARMAS läuft im Süden von Teneriffa in Los Christianos aus und erreicht Puerto de la Estaca, je nach Wetterlage, nach etwas mehr als zweieinhalb Stunden Überfahrt. Das ist eine beachtliche Durchschnittsgeschwindigkeit von 50 Km/h, was am Wasser und als Autofähre beachtlich ist. Ermöglicht wird das durch die neuen Katamaran Jetfähren.

Reisende, die es sich aussuchen können, sollten ab LPM fliegen. Dann wird minutenlang in guter Fotodistanz am höchsten Berg Spaniens, dem Pico del Teide (3.718 m) auf Teneriffa, vorbei geflogen. Ein herrliches Szenario für den Fluggast in der meist dünn besetzten Turboprop Maschine. Besonders schön im Winter, wenn die Spitze des Vulkans weiss angezuckert ist. Überhaupt sollte der Weltreisende einmal in seinem Leben die Meridian Insel besucht haben. Es wird in eine andere Welt eingetaucht. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Die Insel atemberaubend schön, die Menschen ausgenommen gastfreundlich, Natur und Entspannung pur finden sich auf El Hierro. Auch Alexander von Humboldt spazierte schon entlang der Küste von Punta Grande Richtung Sabinosa und fand es ganz grandios.

Praktisches.

Zweimal pro Monat bietet das Gorona del Viento Interessierten eine extensive Führung an, die zu allen Installationen der Anlage führt und äusserst informativ ist. Reisende, die vor haben das Kraftwerksprojekt zu besichtigen, sollten ihre Reisepläne um diesen Termin legen. Zu erfragen sind die Termine immer einen Monat im Voraus (siehe Website unten). Candelaria Sánchez Galán, Departamento Comunicación, antwortet rasch. Man freut sich über Besuch auf dieser kleinen gastfreundlichen Insel und zeigt zu Recht mit Stolz Gorona del Viento, das immerhin zu 60% den Insulanern gehört.

Besuchern von El Hierro stehen drei Hotels zur Verfügung. Das „Parador“ und das „Balneario“, beide sehr zu empfehlen. Sie liegen sehr einsam, aber eigentlich ist alles einsam auf dieser Schönheit im Atlantik. Das „Parador“ im Süden, das „Balneario“ im Norden. Und dann gibt es noch das gemütliche „Puntagrande“. Das findet sich auch im Guiness Buch der Rekorde, gilt es doch als kleinstes Hotel der Welt. Dann sind da noch viele Privatquartiere. Auf El Hierro ist alles anders.

Wer kein Auto bewegen will, findet ein erstaunlich gutes Busnetz auf El Hierro. Das ist übrigens auf allen kanarischen Inseln ganz ausgezeichnet. Pünktlich werden in modernen und sauberen Bussen alle gängigen Ziele erreicht. Es ist angenehm die Landschaft an sich vorbei ziehen zu lassen und zu geniessen. Verfällt der Fahrgast in Sizilien oder Lateinamerika ob der Fahrweise in Panik, werden die Busse auf den Kanaren angenehm gemütlich bewegt. Wer lieber selber fährt, findet im Airport zwei Mietwagen Büros. Das Unternehmen CICAR, ein Familienbetrieb aus Lanzarote, ist immer ein guter Tipp.

Der Internet Speed auf El Hierro entspricht der Lebensweise: gemütlich. Das Mobiltelefon Netz ist lückenhaft. Das stört so weit nicht, denn eines haben die Menschen auf El Hierro ausgiebig: Zeit. Alles geht bedächtig und entspannt, dafür herzlich, persönlich und bemüht. Eine gute Idee sich davon auch einmal ein, zwei Wochen anstecken zu lassen. Das tut der Seele und dem Blutdruck gut. Immerhin haben Spanier mit den Japanern die höchste Lebenserwartung weltweit. Das hat seine Gründe und ganz gewiss nicht in der gesunden Ernährung, die eher üppig ausfällt.

Nützliche Links.

Im Bild – Gorona del Viento.

 

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